Die Polizei und der Holocaust

Rudolf Reder, 1881 in der im Südosten von Polen gelegenen Kleinstadt Debica geboren, ist einer der wenigen Überlebenden der Aktion Reinhardt, der Vernichtungsaktion, die, obwohl sie heute weitgehend unbekannt ist, als Kern des Holocaust gilt. Sie, andere Verbrechen der Polizei und die Frage, was diese Vergangenheit mit unserer Gegenwart zu tun hat, waren Themen im mehrteiligen transnationalen Bildungsprojekt "Die Polizei und der Holocaust".

Als ich die Nachricht erhielt, dass meine Bewerbung für das Bildungsprojekt "Die Polizei und der Holocaust" erfolgreich war und ich damit zu den 24 teilnehmenden deutschen und österreichischen Polizeibeamten gehören durfte, war meine Freude groß. Und nun, nachdem die Workshops und Reisen abgeschlossen sind, kann ich sagen, dass nicht nur der Erkenntnisgewinn außerordentlich ist, sondern auch die Motivation, weiter an dem Thema zu arbeiten, weshalb diese Themenseite ständig bearbeitet und erweitert wird.

Vorwort zum Projekt

Durch die Zusammenarbeit des Geschichtsortes Villa ten Hompel Münster, des World Jewish Congress und der NGO what matters GmbH unter Förderung der Europäischen Union ist das mehrteilige Bildungsprojekt zur Rolle der Polizei im Holocaust entstanden. Und diese Rolle ist tatsächlich nach wie vor weitgehend unbekannt.

Das Projekt, welches u. a. Bildungsreisen an historisch bedeutsame Orte der Polizeigeschichte während des Nationalsozialismus in den Niederlanden, Österreich und Polen beinhaltete, diente einerseits der Stärkung des Geschichtsbewusstseins, indem historische Wege von Ordnungspolizisten während der NS-Herrschaft verfolgt wurden. Andererseits ging es um grundsätzliche Fragestellungen: Warum wurden "ganz normale Männer" zu Tätern"? Standen ihnen Handlungsalternativen offen? Wie wirkten sie am Holocaust mit? Und welche Rückschlüsse lassen sich für Polizisten heute ziehen, sowohl für ihr eigenes Berufsverständnis als auch um Gefährdungen der Demokratie zu begegnen? Erste Antworten darauf finden sie im folgenden Text:  

1. Projektblock: Münster / Westerbork (Oktober 2024)

Vorwort zum 1. Projektblock:

Der Projektverlauf wird nachfolgend dargestellt, wobei die Inhalte dem weiteren Erkenntnisgewinn angepasst werden. Das Bildungsprojekt hat also keinen einmaligen und damit abschließenden Charakter, sondern wird von den beteiligten Polizeibeamten in ihren jeweiligen Behörden fortgeführt, indem sie dort als Multiplikatoren dienen, um den Diskurs zur Rolle der Polizei in der NS-Zeit zu beleben, die Erinnerungskultur zu stärken und aus der Rolle der Polizei im Holocaust Schlussfolgerungen für Gegenwart und Zukunft zu ziehen, damit demokratisches und rechtsstaatliches Handeln gestärkt wird. Deshalb gehörte zu einem wiederkehrenden Bestandteil des 1. Projektblocks und auch im weiteren Verlauf die regelmäßige gegenwartsbezogene Reflexion.

Der erste Projektblock diente als Einstieg in ein Thema, welches in seinen Dimensionen selbst für historisch Interessierte überraschend war. Im Mittelpunkt stand dabei zunächst das hinter den polizeilichen Verbrechen stehende Organisationsgeflecht, beispielhaft erläutert an einem ersten Geschichtsort, der Villa ten Hompel in Münster. Ein weiterer Schwerpunkt war das Täterhandeln in all seinen Facetten, wobei sich bei den Teilnehmenden schon frühzeitig der Eindruck einstellte und zunehmend verfestigte, dass Normalität und menschenverachtende Grausamkeit zwei Seiten der selben Medaille waren. 

 An dieser Stelle noch ein Hinweis: Die nachfolgenden Erläuterungen dienen lediglich als grobe Darstellung des Projektverlaufs, da die Auflistung sämtlicher Geschichtsorte sowie eine detaillierte inhaltliche Beschreibung der einzelnen Projektblöcke den Rahmen sprengen würde.

Der Geschichtsort 

Das Bildungsprojekt begann am 27. Oktober 2024 in der Villa ten Hompel in Münster, eine Forschungseinrichtung und Gedenkstätte, die national und international vernetzt ist: u. a. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Bundeszentrale für politische Bildung, Yad Vashem in Israel. Darüber hinaus ist die Villa ein Ort der Erinnerungs- und Debattenkultur rund um Geschichte, Politik und Gesellschaft. In diesem Sinne wird der ehemalige nationalsozialistische Täterort genutzt, um ein Verantwortungsbewusstsein aus der Geschichte und für sich selbst einen ethischen Standpunkt zu entwickeln (Aleida Assmann: "Woraus soll man denn sonst lernen, wenn nicht aus Geschichte?"). Demnach wird Vermittlung von Geschichte nicht als Selbstzweck verstanden, sondern als ein Instrument zur Erforschung der eigenen persönlichen Haltung. Von diesem Leitgedanken waren die ersten Tage des Bildungsprojekts geprägt und er spielte auch fortan eine tragende Rolle.

Die Industriellenvilla

Erbaut worden ist das Haus vom Zementkönig Rudolf ten Hompel (1878-1948), der 1914 in das familieneigene Unternehmen eingetreten war und die Wicking-Werke in den 1920er Jahren zum größten Zementkonzern Deutschlands aufbaute. Darüber hinaus war er in der Partei des politischen Katholizismus, dem Zentrum, aktiv, für das er von 1920 bis 1928 als Abgeordneter im Reichstag saß. In dieser Funktion versuchte er bereits zu Beginn der Weimarer Republik, den späteren Bundeskanzler der BRD, Konrad Adenauer, dazu zu bewegen, sich für das Amt des Reichskanzlers zur Verfügung zu stellen.
Betrachtet man sich das herrschaftliche Gebäude von innen und außen entstehen wie von selbst Bilder von Empfängen und Feierlichkeiten, die er gemeinsam mit seiner Frau gegeben hat. Doch mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise zum Ende der 1920er Jahre dürften diese seltener geworden sein, denn der Konzern bekam wirtschaftliche Schwierigkeiten, sodass er vom Konkurrenten Dyckerhoff übernommen wurde. Und Mitte der 1930er Jahre musste sich ten Hompel wegen diverser Wirtschaftsvergehen vor Gericht verantworten, mit der Konsequenz einer dreijährigen Haft. Ab 1938 lebte er zurückgezogen in München, wo er als Geschäftsführer einer Baustofffirma tätig war. Die im Zuge der Geschehnisse in das Eigentum des Staates übergegangene Villa wurde indes ab 1940 einem anderen Verwendungszweck zugeführt: Sie wurde der Dienstsitz der Ordnungspolizei. Dieser so harmlos klingende Begriff darf nicht darüber hinweg täuschen,  dass Polizisten zu Tätern wurden. Damit stellt sich beim Blick auf das nationalsozialistische Deutschland die immer wiederkehrende Frage: Wie konnte das geschehen?

Die Weimarer Republik wird gerne auch als Demokratie ohne Demokraten bezeichnet. War auch innerhalb der Polizei die demokratische Substanz zu schwach ausgeprägt? Die Voraussetzungen für eine stabile Demokratie waren jedenfalls nicht die besten. Mehr dazu erfahren Sie über den folgenden Button:

Instrumentalisierung

Die folgenden Zitate von Tätern stehen beispielhaft für die Schrecken des Vernichtungsprozesses, der in dem Ausmaß ohne die Polizei nicht möglich gewesen wäre. 
Doch wie wurde sie überhaupt zum Instrument der nationalsozialistischen Politik?

Die ersten Maßnahmen dazu wurden bereits kurz nach der sog. Machtergreifung getroffen: „Polizeibeamte, die in Ausübung dieser Pflichten von der Schusswaffe Gebrauch machen, werden ohne Rücksicht auf die Folgen des Schusswaffengebrauchs von mir gedeckt. Wer hingegen in falscher Rücksichtnahme versagt, hat dienststrafenrechtliche Folgen zu gewärtigen.“ Diese Formulierungen finden sich im Schießerlass v. 17. Februar 1933 des damaligen Reichsministers und kommissarischen Innenministers von Preußen, Hermann Göring. Auf den ersten Blick wirkt es, als ob Göring der Polizei völlig freie Hand gab. Doch was steckte tatsächlich dahinter, und welche Pflichten meinte er? Warum sprach er mit seinem Erlass gezielt Polizeibeamte an?

 

Görings Schießerlass war zunächst einmal ein wichtiger Akt der Herrschaftssicherung, und dazu musste die Polizei als Verbündeter der NS-Bewegung gewonnen werden. Der Erlass wurde entsprechend konkret: „Ich glaube, mir einen besonderen Hinweis darauf ersparen zu können, dass die Polizei auch nur den Anschein einer feindseligen Haltung oder gar den Eindruck einer Verfolgung gegenüber nationalen Verbänden unter allen Umständen zu vermeiden hat.“ Weiterhin wurden die Polizisten angewiesen, „das beste Einvernehmen“ mit diesen Organisationen herzustellen und zu unterhalten sowie jede nationale Betätigung mit allen Kräften zu unterstützen. Dies war die klare und unmissverständliche Aufforderung mit den Kräften der NS-Bewegung wie der SA zusammenzuarbeiten. Doch nach dem Motto Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser wurde darüber hinaus noch eine weitere Maßnahme zur Sicherung der Macht getroffen. 

Deshalb wies Göring den regulären Polizeieinheiten mit Erlass vom 22. Februar zusätzlich 50.000 Hilfspolizisten zu, überwiegend aus SA-Kräften bestehend. Gewaltbereite SA-Männer marschierten fortan zusammen mit der Polizei, staatlich legitimiert und bewaffnet, durch die Straßen und machten Jagd auf Kommunisten, Sozialdemokraten, Reichsbannerleuten und Juden. Die SA war in diesem Zusammenhang für die physische Gewalt zuständig, die Polizei übernahm Ermittlungen und Absperrungen, innerhalb derer die nunmehr zu polizeilichen Hilfskräften erklärten SA-Männer die politischen und ideologischen Gegner rücksichtslos verfolgten.  



  

Im Ergebnis wurden nicht nur die polizeilichen Handlungsmöglichkeiten deutlich erweitert, vor allem war der Schießerlass auch als Drohung an die Polizisten zu verstehen, die sich nicht an die politischen Vorgaben halten wollten ("dienststrafenrechtliche Folgen"). Einerseits brauchte die neue Regierung die Polizei zur Durchsetzung ihrer Ziele, andererseits war sie sich unsicher, wie sich die aus der Demokratie kommende Polizei gegenüber den ideologischen Prämissen verhalten würde. Jedoch erwies sich das Misstrauen als unbegründet. Die Polizei wurde bereits in den ersten Wochen zu einem funktionalen Element im NS-Staat.  

Auch organisatorisch wurde daran gearbeitet, die Polizei zügig zum Instrument der NS-Politik zu machen. Zunächst wurde den Ländern die Hoheit über die Polizei entzogen und diese dem Reichsinnenministerium zugeschlagen, doch verlor dieses Mehr und mehr an Zugriff, denn es folgte ein Prozess der Entstaatlichung, indem Heinrich Himmler mehr und mehr die persönliche Kontrolle erhielt. 1936 wurde dieser Prozess vollendet: Himmler war nun Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei. Zwar kam es nie zur vollständigen Verschmelzung von SS und Polizei, allerdings hatte die Konstruktion Folgen: Einerseits war die Grundlage zur engen Zusammenarbeit geschaffen, andererseits gab es keine Bindung an Recht und Gesetz, sondern – ganz nach dem Führerprinzip – eine persönliche. In seiner Rede vor der Akademie des Deutschen Rechts am 11. Oktober 1936 formulierte Himmler dazu deutlich: "Ich habe mich dabei von vornherein auf den Standpunkt gestellt, ob ein Paragraph unserem Handeln entgegensteht, ist mir völlig gleichgültig." 



  

SS und Polizei gingen fortan eine Symbiose ein. SS- Mitglieder hatten Möglichkeiten, innerhalb der Polizei beruflich aufzusteigen und eine gesicherte Versorgung zu erhalten. Und  die Verbindung mit der SS wurde von der Polizei als Aufwertung verstanden, so bezeichnete der Chef der Ordnungspolizei, Kurt Daluege, diese als "Garde des Staates" und die SS als "Garde der Bewegung". Infolgedessen suchten Polizisten oftmals die Aufnahme in die SS, weil man sich damit als Angehörige einer Elite präsentieren konnte. Dazu mussten sie jedoch einen Antrag stellen, was bedeutete, dass man sich als "Parteisoldat" (Heinrich Himmler) bewährt haben musste, wozu die Internalisierung der NS-Ideologie ebenso gehörte wie deren radikale Umsetzung. Im Ergebnis erfolgte der Einsatz der Ordnungspolizei im Rahmen der "Endlösung der Judenfrage" unter dem Grundsatz, den Himmler schon am 4. März 1933 noch als Münchner Polizeipräsident formuliert hatte: "Ich habe nicht Gerechtigkeit zu üben, sondern zu vernichten und auszurotten!" Der Dreiklang – autoritäres ErbeInstrumentalisierungkeine Bindung an Recht und Gesetz hatte also Folgen: Täter!  

Täter: Heinrich Lankenau

Ab 1940 war die Villa ten Hompel der Dienstsitz des Befehlshabers der Ordnungspolizei (BdO) im Wehrkreis VI, der das heutige Nordrhein-Westfalen, Teile Niedersachsens und Belgiens umfasste. Geführt wurde er bis Dezember 1942 von Dr. Heinrich Lankenau, der rund 200.000 Polizisten befehligte, die ihren Dienst in den Städten und Gemeinden verrichteten. Fortan wurden sie zu Instrumenten der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik. Sie bewachten Deportationszüge und Ghettos, beaufsichtigten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene und ab 1941 beteiligten sie sich mit 22 Bataillonen an den Erschießungen (Holocaust durch Kugeln) der jüdischen Bevölkerung Osteuropas.

Übrigens: Der erste BdO Lankenau arbeitete in der jungen BRD wider besseren Wissens am Ruf der "sauberen Polizei", indem er der deutschen Öffentlichkeit den Eindruck vermittelte, die Ordnungspolizei sei an den NS-Verbrechen nicht beteiligt gewesen, u. a. mit seinem 1957 veröffentlichten Buch Polizei im Einsatz während des Krieges 1939-1945 in Rheinland-Westfalen

Nach dem Krieg war die Villa Dienstsitz von verschiedenen Behörden, u. a. den Entnazifizierungs-Hauptausschuss für die Überprüfung von Polizisten sowie der Wiedergutmachungsbehörde für Verfolgte des NS-Regimes für die Bezirksregierung Münster. Seit 1999 ist sie der o. a. Geschichtsort mit seiner Dauerausstellung "Geschichte – Gewalt – Gewissen".

Geschichte – Gewalt – Gewissen

Die Dauerausstellung in der Villa ten Hompel nimmt die Perspektiven von Tätern, Verfolgten und Zuschauern in den Blick, wobei die Konzeption nicht als reine Vergangenheitsbetrachtung zu sehen ist, sondern sie lädt die Gäste ein, Haltungen für Gegenwart und Zukunft einzunehmen. Dies ist auch der leitende Gedanke des Bildungsprojekts "Die Polizei und der Holocaust", das mich als Polizisten als Teil der staatlichen Exekutive auffordert, mich zu positionieren und mein Gewissen zu befragen: Wie hätte ich mich verhalten? Wie würde ich mich verhalten, wenn...? Handlungsräume gibt es immer, und sie gab es auch für die Ordnungspolizisten im NS-Staat, dennoch haben sich viele von ihnen an Verbrechen beteiligt, u. a. an Massenerschießungen von Jüdinnen, Juden, Sinti und Roma im Osten Europas. Damit stellt sich eine Frage: Warum? Den Versuch einer Antwort finden Sie, wenn Sie den u. a. Button "Warum töteten Polizisten?" anklicken:

Das nebenstehende Bild ist von Anatol Herzfeld (bürgerlich Karl-Heinz Herzfeld, 1931-2019), der gelernter Kunstschmied war, von 1953 bis 1991 als Polizist arbeitete, währenddessen Bildhauerei studierte und als Schüler des Düsseldorfer Künstlers Joseph Beuys wirkte.

Zurzeit wird der Text "Warum töteten Polizisten" überarbeitet. Sobald dies geschehen ist, werden Sie den entsprechenden Button wieder an dieser Stelle finden.

Täter: Johann Mechels

Daten, Fakten und Zahlen lassen zwar die Größenordnung von Verbrechen anschaulich werden, doch bleiben die Opfer dahinter unsichtbar. Der Gedenkort Appelbergen in der Nähe von Groningen hingegen zeigt, was sich oftmals hinter den eigentlichen Kriegsereignissen verbirgt. Hier hatten Jugendliche als Streich einen Baumstamm über die Straße gelegt, wofür als Vergeltung vom deutschen Polizisten Johann Mechels aus Bremen die Ermordung von willkürlich festgenommenen niederländischen Zivilisten – das jüngste Opfer war 13 Jahre alt – angeordnet wurde. Ihre Leichen wurden im Moor in einem nahegelegenen Waldgebiet versenkt. Der Enkelsohn von einem der damals beteiligten Jugendlichen berichtete den Projektteilnehmern am Gedenkort davon. Seine Schilderung, die auch beinhaltete, wie sehr sein Großvater zeitlebens unter dem Geschehen gelitten hat – er offenbarte sich erst kurz vor seinem Tod –, verdeutlichte, wozu Menschen, die gestern noch ihrem Tagwerk nachgingen, heute fähig sein können.

Übrigens: Polizist Johann Mechels, der die menschenverachtende Vergeltungsaktion angeordnet hatte, wurde in der Bundesrepublik strafrechtlich nicht zur Verantwortung gezogen. Eine Ausnahme? Nein, die Regel!

Polizeiliches Durchgangslager Westerbork

Zunächst wurde das nördlich des Dorfes Westerbork in der Provinz Drenthe gelegene Kamp W. - so die Bezeichnung in den Niederlanden - von der Verwaltung als Flüchtlingslager für Juden aus Deutschland und Österreich genutzt, die vor der nationalsozialistischen Verfolgung geflohen waren. Nach der Besetzung durch die deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 wurden sukzessive weitere in die Niederlande geflüchtete Juden interniert. Nachdem das Lager am 1. Juli 1942 unter deutsche Verwaltung gestellt und zum polizeilichen Durchgangslager deklariert worden war, begannen die Deportationen aus den gesamten Niederlanden ins Lager und von dort aus mit Güterwaggons in die im Osten Europas gelegenen Vernichtungsstätten, überwiegend nach Auschwitz und Sobibór: Bis 1944 – am 3. September fuhr der letzte Zug - waren es mehr als 100.000 Menschen. Zu den bekannten Opfern gehören die von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochene Edith Stein (1892 – 1942) und Anne Frank (1929-1945).

102.000

Seit 1983 befindet sich in der Nähe des ehemaligen Lagers ein Erinnerungszentrum. Das Gelände selbst ist heute eine weitgehend freie Fläche, auf der auf Initiative von ehemaligen Gefangenen das Monument „De 102.000 stenen“ errichtet worden ist. Sie stehen für die Anzahl der Menschen, die von Westerbork in Richtung Osten deportiert wurden und nicht zurückgekehrt sind. Auf den weitaus meisten Steinen befinden sich Davidsterne – sie symbolisieren die jüdischen Opfer –, rund 200 Steine sind mit einer Flamme versehen, sie stehen damit für die Roma und Sinti, und die Steine ohne Symbol weisen auf Widerstandskämpfer hin. Aus der Vogelperspektive bilden die Steine das niederländische Staatsgebiet ab. 

Täter: Albert Konrad Gemecker

Der Polizist und SS-Obersturmführer Albert Konrad Gemmeker (1907-1982) war der am längsten amtierende Lagerleiter in Westerbork (Oktober 1942 bis April 1945; das Foto zeigt das Kommandantenhaus, welches wegen seines instabilen Zustands von einer Glas-Stahl-Konstruktion umgeben ist). Unter der Leitung Gemeckers wurden 80.000 Menschen deportiert, wobei die Transporte von ihm und seinem Stab zusammengestellt wurden. Bezugnehmend auf das Buch des Historikers Christopher Browning – "Ganz normale Männer" – kann auch Gemmeker als ein solcher bezeichnet werden. Er galt als "kultiviert", der aber seine mörderische Aufgabe konsequent umsetzte. Die jüdische Lehrerin Etty Hillesum (1914-1943) beschrieb ihn: „Und dann hat er etwas zwischen gepflegtem Frisiergehilfen und Stammgast einer Künstlerkneipe in seiner Art. Aber die Verbissenheit und die forcierte Strammheit überwiegen. […] Der vorige Kommandant trat die Leute mit dem Stiefel nach Polen, dieser lächelt sie nach Polen.“ (in: van Liempt, Der Kommandant).

Übrigens: Auch in einem anderen Zusammenhang kann Gemmeker als „ganz normaler Mann“ bezeichnet werden: Wie so viele Täter blieb auch er juristisch unbehelligt. Zwar wurden zwei staatsanwaltliche Ermittlungen gegen ihn eingeleitet, allerdings kam es jeweils zur Einstellung, weil nach damaliger Auffassung nicht nachgewiesen werden konnte, dass er von der Ermordung der von ihm in die Orte der Vernichtung geschickten Menschen gewusst habe. Obwohl zwei SS-Kollegen von ihm eingeräumt hatten, dass dies sehr wohl bekannt war, blieben ihre Aussagen unberücksichtigt. 

Fazit zum 1. Projektblock

Schon der erste Projektteil hat deutlich gemacht, dass die Teilnehmenden über ein ausgeprägtes polizeiliches Wertegerüst verfügen. Allerdings verstand sich auch die Polizei der Weimarer Republik als Freund und Helfer, die sich zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bekannte, was ihre Angehörigen in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl jedoch nicht daran hinderte, sich zügig der nationalsozialistischen Herrschaft anzudienen. Der Weg von der Demokratie in den Totalitarismus war also ein erschreckend kurzer.

Und damit eröffnete sich der Brückenschlag in die Gegenwart, in der nicht nur in Deutschland die Verlockung des Autoritären deutlich erkennbarer geworden ist. Vor einigen Jahren noch Unausgesprochenes ist nun wieder sagbar, sodass in einer Diskussion gemeinsam mit den niederländischen und österreichischen Kolleg*innen im Erinnerungszentrum Westerbork die Frage der polizeilichen Neutralität Im Zuge gesellschaftlicher Radikalisierungstendenzen in den Mittelpunkt rückte. Sieht sich die Polizei heute nach mehr als 75 Jahren demokratischen Lernens gefestigter als ihr Pendant in der Zwischenkriegszeit? Ist der Standpunkt gerechtfertigt, dass die Weimarer Polizisten wegen der Sozialisation ihrer weitaus meisten Angehörigen in der Kaiserzeit insgesamt wesentlich autoritärer eingestellt waren und demzufolge im Vergleich mit der Gegenwart über ein weniger stark ausgeprägtes Wertegerüst verfügten, mithin anfälliger waren für menschenverachtende Handlungen? Oder gibt es andere Anpassungsmechanismen, die menschliches Handeln unabhängig von Epochen und politischen Systemen bestimmen? 

2. Projektblock: Wien (Januar 2025)

Vorwort zum 2. Projektblock:

Dass sowohl deutsche als auch österreichische Polizisten an dem Projekt „Die Polizei und der Holocaust“ teilgenommen haben, ist bei der Betrachtung der damaligen Geschehnisse von geradezu zwingender Notwendigkeit gewesen. Die österreichische Polizei war ebenso wie die deutsche in dieses Menschheitsverbrechen involviert, wobei – das werden die nachfolgenden Themenblöcke zeigen – das Terrorregime vom ersten Tag des sog. Anschlusses im März 1938 funktionierte. Sicher, bereits ab 1933 war Österreich von der Dollfuß-Regierung in einen autoritären Polizeistaat umgewandelt worden, mit der Folge, dass Parteien und Versammlungen verboten waren, Grundrechte wie die Presse- und Meinungsfreiheit nicht mehr existierten und politisch Andersdenkende verfolgt, inhaftiert und getötet wurden. Der Polizei fiel zur Sicherung des autoritären Wandels eine zentrale Rolle zu, sie handelte in zunehmendem Maße willkürlich, rechtsstaatliche Grundsätze und Individualrechte hatten in ihrem Denken und Handeln kaum noch eine  Bedeutung. Doch autoritäres Regieren und Verwalten sind die eine Sache, eine ganz andere ist die Beteiligung der Polizei an der gezielten Tötung von Menschen aufgrund einer Rassenideologie. Deshalb läuft auch in Österreich die Aufarbeitung mit der Maxime, die Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden, also bei den Kolleg*innen und auch in der Öffentlichkeit ein kritisches Bewusstsein zu fördern, dass legale Machtausübung heute bereits morgen in einen Machtmissbrauch umschlagen kann, so wie es uns die derzeitigen Entwicklungen in den USA nahezu täglich vor Augen führen. Vom Bundesministerium des Innern initiierte und geförderte Ausstellungen und Publikationen wie „Exekutive der Gewalt. Die österreichische Polizei und der Nationalsozialismus“ stehen für die Aufarbeitung exemplarisch. Lange Zeit wurde auch in Österreich verdrängt, verdunkelt und verschwiegen, doch sind diese Mechanismen des Vergessens dem Willen, sich der eigenen Geschichte zu stellen, gewichen, um Verantwortung für Gegenwart und Zukunft zu übernehmen.    

Jüdisches Leben heute

Der Besuch der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) war ein bewegendes Erlebnis. Der seit 2012 amtierende Präsident Oskar Deutsch, der rund 8.000 Mitgliedern vorsteht, brachte seine Sorge zum Ausdruck, die ihn und die Gemeindemitglieder mit dem Erstarken rechten und rechtsextremen Gedankenguts auch in Österreich umtreibt. Damit zusammenhängend führte er aus, dass der polizeiliche Objektschutz des Sitzes der Gemeinde im Stadttempel in der Seitenstettenstraße seit jeher zur „Normalität“ gehöre, doch gerade aufgrund des spürbaren Rechtsrucks in der österreichischen Gesellschaft sei er zurzeit jeden Tag froh darüber, die Kolleginnen und Kollegen vor dem Eingang zu sehen. Leise Zweifel äußerte er zu der Frage, inwieweit dieser Schutz mit einer FPÖ-geführten Regierung noch aufrechterhalten werde. In einem weiteren Gespräch der Gruppe mit zwei jungen Frauen aus der Gemeinde wurde zudem deutlich, wie stark der Antisemitismus nach wie vor das Leben der Gemeinde belastet, verstärkt durch den brutalen Überfall der islamistischen Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel und dessen militärische Reaktion. Mit teils tränenerstickter Stimme schilderten sie die ihnen seitdem offen gezeigte Judenfeindlichkeit, die im Ergebnis sogar dazu geführt hat, dass sie wegen Beschimpfungen und Bedrohungen über einen längeren Zeitraum die Wiener Universität nicht mehr aufsuchen konnten.  

Jüdisches Leben damals

Jüdisches Leben ist in Wien seit dem 12. Jh. belegt. Dort, wie an vielen Orten Europas, wechselten sich Phasen einer weitgehend gesicherten Existenz mit Zeiten ab, die von Unsicherheit und Vertreibung bis hin zu Pogromen geprägt waren. Die Existenz der jüdischen Gemeinden war sowohl von der Haltung des Landesherrn zum Judentum als auch von der Kirche abhängig, die insgesamt die strikte Trennung der jüdischen von der christlichen Lebenswelt verfolgte. Von ihr ging auch die Initiative aus, Juden öffentlich zu stigmatisieren, indem von ihnen Judenhüte oder sie kennzeichnende Abzeichen getragen werden sollten. Der Ausgangspunkt war hierzu das Laterankonzil im Jahre 1215 unter Papst Innozenz III. Auch die beruflichen Beschränkungen auf Handel und Kreditvergabe sowie die damit verbundene Gefahr, dass Schulden nicht zurückgezahlt wurden, gehörten zu den Unsicherheitsfaktoren jüdischen Daseins. Und als sich die Pest in den Jahren 1349/50 in Europa ausbreitete, kam es mit dem Vorwurf der Brunnenvergiftung – weitere klassische Verschwörungstheorien zum Nachteil von Juden: Gottesmord, Hostienschändungen, Ritualmorde ­– auch in Wien zu einem Pogrom mit rund 1.200 Opfern. Dass nur 70 Jahre später weitere Exzesse folgten, ist ein weiterer Beleg dafür, wie gefährdet jüdisches Leben war. Mit diesen, Wiener Geserah genannten Ereignissen, befasst sich der folgende Abschnitt. 

Wiener Geserah (hebr. = Verfolgung)

Unter Herzog Albrecht V. von Habsburg begann sich die Lage der jüdischen Gemeinden in Österreich zu verschlechtern, so belegte er sie mit immer neuen Steuern. Warum es jedoch zu Beginn der 1420er Jahre zu einem Pogrom kam, konnte bis heute nicht abschließend geklärt werden, ggf. lag ihm der Vorwurf des Hostienfrevels zugrunde, der instrumentalisiert wurde, um rein wirtschaftliche Motive zu verdecken. Jedenfalls waren die Folgen des herzoglichen Befehls verheerend: Mittellose Juden wurden vertrieben und in Schiffen die Donau hinunter getrieben; Begüterte kamen in Haft; die letzten Überlebenden in Wien, ca. 200 Menschen, wurden im Jahre 1421 hingerichtet; einige Juden schlossen sich in der am Wiener Judenplatz gelegenen Synagoge ein, in der sie nach dreitägiger Belagerung kollektiven Selbstmord begingen; der Besitz der jüdischen Gemeinde Wiens wurde konfisziert, verkauft oder verschenkt und ihre Häuser rund um den Wiener Judenplatz abgerissen; im gesamten Herzogtum Österreich war das jüdische Leben weitgehend erloschen. Erst zum Ende des 16. Jahrhunderts bildete sich in Wien wieder eine jüdische Gemeinde. Doch schon im Jahre 1670 kam es zur nächsten Vertreibung, wobei auch hier die Gründe im Ungewissen liegen. Von der ganzen Fragilität jüdischen Lebens legt die Gestaltung des heutigen Judenplatzes in Wien Zeugnis ab.  

Das Jordanhaus

Noch heute erinnert ein antisemitisches Relief am Judenplatz Nr. 2 an die Wiener Geserah. Angebracht worden ist es an einem Haus, welches bis 1421 einem Juden gehörte und im weiteren Verlauf von einem Georg Jordan übernommen wurde. Dieser versah es mit einem Wappenrelief und einer Tafel mit der Inschrift „Anno 1421 warden die Juden hie verbrendt.“ Der folgende Eigentümer, ein Jörg Jordan, ersetzte die Tafel durch eine mit einem umfangreicheren Text, in dem er sich eines judenfeindlichen Sprachgebrauchs bediente: „Durch die Fluten des Jordan wurden die Leiber von Schmutz und Übel gereinigt. Alles weicht, was verborgen ist und sündhaft. So erhob sich 1421 die Flamme des Hasses, wütete durch die ganze Stadt und sühnte die furchtbaren Verbrechen der Hebräerhunde. Wie damals die Welt durch die Sintflut gereinigt wurde, so sind durch das Wüten des Feuers alle Strafen verbüßt.“ (Übersetzung aus der lateinischen Schrift). 

  

Das späte Eingeständnis

An einem wenige Meter vom Jordanhaus entfernt gelegenen Gebäudes (Judenplatz 6) befindet sich seit 1998 eine Inschrift, die auf das Relief und die Wiener Geserah sowie die Ereignisse Bezug nimmt, die mehr als 500 Jahre später in noch unfassbarere menschliche Abgründe blicken ließen: „Kiddusch Haschem heißt Heiligung Gottes. Mit diesem Bewusstsein wählten Juden Wiens in der Synagoge hier am Judenplatz – dem Zentrum einer bedeutenden jüdischen Gemeinde – zurzeit der Verfolgung 1420/21 den Freitod [...] Andere, etwa 200, wurden in Erdberg auf einem Scheiterhaufen lebendig verbrannt. [...] Somit war die Auflösung der Wiener Judenstadt 1421 schon ein drohendes Vorzeichen für das, was europaweit in unserem Jahrhundert während der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft geschah. [...]" Und nur wenige Meter weiter stoßen wir auf das Mahnmal, welches uns an die in dieser Gedenktafel angedeuteten Geschehnisse erinnert.

  

Erinnerung und Verlust

Das Mahnmal für die 65.000 österreichischen jüdischen Opfer der Schoah (hebr. = Katastrophe) erinnert an das Menschheitsverbrechen, an dem auch Polizisten aus Deutschland und Österreich beteiligt waren. Es zeigt versteinerte Bücher ohne lesbaren Buchrücken und Inhalt, eine namenlose Bibliothek, die nicht zugänglich ist und die uns damit ebenso verschlossen bleibt, wie die Lebensgeschichten der Opfer, die durch unfassbare Gewalt aus ihrem Leben gerissen wurden und eine kulturelle Leerstelle hinterlassen haben. Und dann begegnet uns auf dem Judenplatz auch noch Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der große Dichter der Aufklärung. 

  

Was hat Lessing hier zu suchen?

Der Judenplatz in Wien ist eine permanente Vergegenwärtigung dafür, was es bedeutet, außerhalb einer Gemeinschaft zu stehen. Dabei zeigte schon Lessings aufklärerische Interpretation der Ringparabel im Drama "Nathan der Weise", worauf es im menschlichen Zusammenleben ankommt: Losgelöst von der Religion, wies er den grundsätzlichen Weg zu einer friedlich-toleranten Koexistenz. Damit erinnert er uns daran, in welchem scharfen Kontrast seine Toleranzidee zum Antisemitismus und zu den nationalsozialistischen Verbrechen steht.
Neben seiner Literatur wirkte Lessing auch persönlich, um das geistige Klima im Sinne der Toleranz zu beeinflussen: Mitte der 1770er Jahre weilte er in Wien und wurde von Kaiser Joseph II. empfangen. Davon ausgehend wird im folgenden Text der weitere Weg jüdischen Lebens in Österreich beschrieben, vom Toleranzedikt bis in die Zwischenkriegszeit. 

  

Entmenschlichung im Zeitraffer

Das Lernen am historischen Beispiel zeigt, wie leicht legitime Machtausübung in Machtmissbrauch umschlagen kann. Der Anschluss Österreichs im März 1938 zeigt in diesem Zusammenhang, wie zügig dieser Prozess verlaufen kann, denn die im Deutschen Reich über Jahre sich steigernde Ausgrenzung und Gewalt gegen Jüdinnen und Juden vollzog sich in Österreich innerhalb von Tagen und Wochen. Sie wurden durch Wien getrieben, man plünderte und enteignete ihre Wohnungen und Geschäfte, misshandelte und demütigte sie, wie bei den sogenannten "Reibpartien", zu denen jüdische Nachbarn und Mitbürger gezwungen wurden, um Bürgersteige zu säubern. Hilfesuchend wendeten sie sich oftmals an die Polizei, die ihnen jedoch keine Hilfe zuteilwerden ließ, sondern dem Ausbruch antisemitischen Hasses sogar beiwohnte, wie auf dem Foto zu sehen ist. Es war ein erster Schritt für die österreichische Polizei, sich als Instrument der Verfolgungs- und späteren Vernichtungspolitik bereitwillig zur Verfügung zu stellen. 

Zivilisation ohne Moral

Die Menschen in Deutschland und Österreich hätten sich auch nach 1933 bzw. 1938 ohne Zweifel als zivilisiert bezeichnet. Doch ebenso wenig kann bezweifelt werden, dass es die Mitglieder dieser beiden Gesellschaften waren, die, wenn sie sich nicht ohnehin an der Unmenschlichkeit aktiv beteiligt hatten, passiv geblieben waren. Staat und Gesellschaft haben damals ohne moralische Bindung agiert, obwohl es durchaus rechtliche Schranken gab, die jedoch für Jüdinnen und Juden, politisch Andersdenkende und all diejenigen, die nicht zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft (vgl. zu dem Begriff unter dem Menüpunkt Texte  die vertiefende Darstellung Nr. 30 der Reihe Demokratie: Geschichte und Gegenwart) gehörten, offensichtlich nicht mehr galten. Das NS-Regime hat demnach eine Art Doppelstaat erschaffen. Was bedeutet dieser Begriff?  

Der Doppelstaat

Die Bezeichnung geht auf den Politikwissenschaftler Ernst Fraenkel zurück, der im Jahre 1938 aus Deutschland emigriert war und im US-amerikanischen Exil das gleichnamige Buch schrieb. Er unterscheidet darin den Normenstaat, der sich an der Rechtsordnung orientiert, und den Maßnahmenstaat, der nach der politischen Zweckmäßigkeit agiert, wobei der Zweitgenannte im Zweifel bestimmend ist. Die Verfolgung und Vernichtung von Menschen und Gruppen, die nicht zur Volksgemeinschaft gehörten, steht dafür exemplarisch. Die Polizei – das Foto zeigt die Vereidigung von österreichischen Polizisten auf dem Wiener Heldenplatz im März 1938 – war innerhalb dieses Systems ein für das NS-Regime nicht nur konsolidierender Faktor, vielmehr war sie aktiver Teil des Verfolgungs- und Vernichtungsapparats.

Doch was bedeutete es für eine Familie, die nicht zur Volksgemeinschaft gehörte? Zu dieser Frage liefern uns die Erinnerungen von Vilma Neuwirth Erkenntnisse. Darüber hinaus gehören sie zu den wenigen Zeugnissen aus dem Arbeitermilieu (derartige Quellen stammen üblicherweise aus der bürgerlichen Lebenswelt).   

Vilma Neuwirth: Glockengasse 29

Am 11. März 1938 erfolgte der sog. Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, und nur einen Tag später änderte sich das Leben der Jüdinnen und Juden. Diesen abrupten Wechsel der Lebenswirklichkeit erzählt Vilma Neuwirth, die ihn als Neunjährige in Wien erlebt hat. Sie schildert wie eine bis dahin intakte Hausgemeinschaft aus jüdischen und nicht-jüdischen Bewohnern von heute auf morgen endet. Plötzlich steht der Nachbar in SA-Uniform vor der Tür und schreit Vilmas Vater an: "Du Judensau, du Rassenschänder! Endlich ist der Zeitpunkt gekommen, um euch Judensäuen zu zeigen, wo's langgeht." Damit beginnt das Martyrium von Vilma und ihrer Familie, die nur deshalb der Deportation entgehen, weil die Mutter keine Jüdin ist. Die Autorin beschreibt die nahtlose Verhaltensänderung der nicht-jüdischen Nachbarn, die fortan alle Hemmungen fallen und ihrem Hass freien Lauf lassen. Sie beschimpfen, pöbeln, spucken, drangsalieren, schlagen und stoßen die jüdischen Nachbarn aus der sog. Volksgemeinschaft aus. Vilma muss bald erkennen, dass der Firnis der Zivilisation dünn ist. Es beginnen sieben Jahre extremer Unsicherheit, die ihre Spuren hinterlassen. Diese Erkenntnis stellt sich bereits auf der ersten Seite ein.

Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek: "Dieses Buch habe ich gelesen wie einen Krimi." 

"Hitler-Balkon"

Wie sehr sich geschichtliche Ereignisse bis in die Gegenwart auswirken, lässt sich am Balkon der Wiener Hofburg verdeutlichen, von dem Hitler im März 1938 den sog. Anschluss erklärte. Nach wie vor ist er für die Öffentlichkeit gesperrt, wobei wegen der zu niedrigen Balustrade Sicherheitsgründe angeführt werden. Da jedoch bautechnische Maßnahmen hier Abhilfe leisten könnten, sind eher andere Motive maßgebend, vor allem wenn man sich vergegenwärtigt, dass mit dem Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel nach der Rede Hitlers bis heute nur ein einziger Mensch dort gesprochen hat. Die tatsächliche Angst besteht vielmehr darin, dass der Ort von Rechtsextremen als Pilgerstätte genutzt werden könnte. Diese Gefahr besteht natürlich zweifellos, – wie übrigens an allen Orten, die mit der NS-Vergangenheit in Verbindung gebracht werden können – doch ließe er sich auch erinnerungspolitisch nutzen: Verantwortung für die Vergangenheit tragen und daraus Lehren für Gegenwart und Zukunft ziehen, indem die Demokratie ins Zentrum gerückt wird. Und tatsächlich geht der Blick vom Balkon aus in Richtung Präsidentschaftskanzlei, Wiener Rathaus, Bundeskanzleramt und Parlament, also auf zentrale Einrichtungen der österreichischen Demokratie. Für eine solche Neubestimmung setzt sich auch die Historikerin Monika Sommer ein, die dem Haus der Geschichte Österreichs vorsteht, welches sich ebenfalls in der Hofburg befindet. 

Der jüngste Trakt der Wiener Hofburg, die Neue Burg, vom Heldenplatz aus gesehen mit Blick auf den Balkon.   


Der Balkon in Nahaufnahme, von dem Hitler mit der Verkündung des sog. Anschlusses gleichzeitig die Existenz eines bis dahin souveränen Staates beendete.

Und die historische Aufnahme.

Ausgestoßen

Es gab nicht nur keinen Widerstand aus den Reihen der Polizei gegen das menschenverachtende und sich vom Recht sowie von moralischen Bindungen lossagende NS-Regime, auch wirkte der Prozess des Ausschlusses aus der Volksgemeinschaft selbst gegen eigene Kollegen, gegen Kollegen, mit denen man über Jahre hinweg gemeinsam gearbeitet hatte. So erging es auch Karl Halaunbrenner (1881-1938), der im Jahre 1905 in die österreichische Landesgendarmerie eingetreten war und während seiner Laufbahn an verschiedenen Orten seinen Dienst verrichtet hatte. Doch diese langjährige Zugehörigkeit zur Polizei nutzte ihm ebensowenig wie der Umstand, dass er ein bekannter Heimatforscher war. Im Gegenteil: Unmittelbar nach dem sog. Anschluss wurde er schwer misshandelt und kam über das Konzentrationslager Dachau nach Buchenwald, wo er am 22.12.1938 verstarb.

Der Gedenkstein in der Herrengasse in Wien am Bundesinnenministerium wurde am 6. November 2020 vom damaligen österreichischen Bundeskanzler Karl Nehammer und dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Wien, Oskar Deutsch, enthüllt. 

   

Vor aller Augen

Ein von der Projektgruppe in Wien aufgesuchter Ort, an dem sich der Maßnahmenstaat in seiner ganzen Abscheulichkeit zeigte, war der Aspangbahnhof (heute Leon-Zelman-Park im 3. Bezirk), der ab Oktober 1939 als Abgangsort für die Deportationstransporte diente. Ihr Weg in die Vernichtung begann also mitten in der Stadt, vor den Augen der Wiener Öffentlichkeit. Für jeden Transport wurden rund eintausend Jüdinnen und Juden mit offenen Lastwagen dorthin gebracht. Von den insgesamt 47035 Deportierten überlebten nur 1073 die Ghettos und Lager. 

Die Installation verweist auf die ehemaligen Gleise. Sie enden in einem hohlen Betonblock, der für den Tod, das Nichts, das Vergessen steht.   


Zum Mahnmal Aspangbahnhof gehört auch dieser Gedenkstein.

Darüber hinaus sind auf dieser Tafel die Zielorte der Deportationen sowie die Anzahl der jeweils dorthin transportierten Jüdinnen und Juden aufgelistet.

Herminengasse

Der Wiener U-Bahnhof Schottenring gehörte ebenfalls zu den von der Gruppe besuchten Orten. Dort traf sie auf ein Geflecht aus schwarzen Linien und Balken, welches zunächst wie ein filigranes Streckennetz wirkt. Bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich jedoch als ein Kunstwerk, in dem sich die Geschichte der wenige Meter entfernten Herminengasse verdichtet, aus der, nur rund 200 Meter lang, 800 Jüdinnen und Juden in die Orte der Konzentration und Vernichtung deportiert wurden. Jede Linie verbindet in dem von der deutschen Künstlerin Michaela Melián gestalteten Werk die Wohnhäuser mit den Zielen der Deportation. So belebt der Ort heute ist, so belebt war er damals, sodass die auch in Deutschland gern genutzte Exkulpation "Davon haben wir nichts gewusst" ins Leere läuft. Ergänzend sei an dieser Stelle auf das lesenswerte Buch des Historikers Peter Longerich hingewiesen: "Davon haben wir nichts gewusst!" – Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933-1945.  

Raub

Österreich wurde nicht nur in der zügigen Gewalteskalation zum Experimentierfeld für die Judenverfolgung, auch der Entzug der ökonomischen Lebensgrundlagen diente als Muster für das Gesamtreich. Unter der Leitung von Adolf Eichmann wurde im August 1938 im beschlagnahmten Palais Albert Rothschild (Foto) die Zentralstelle für jüdische Auswanderung eingerichtet. Zunächst bestand ihre Funktion darin, eine Organisation der Emigration der österreichischen Juden zu installieren, wobei die erzwungene Auswanderung gleichbedeutend war mit der weitgehenden Abschöpfung des persönlichen Vermögens. Doch bereits ab Oktober 1939 wurde die Zentralstelle in zunehmendem Maße zum Zentrum für die Deportationen und damit zum Vorbild für weitere Einrichtungen dieser Art, z. B. in Berlin. Das Palais wurde 1954 abgerissen; heute befindet sich in der Prinz-Eugen-Straße 20-22 das Bürogebäude der Interessenvertretung der Arbeitnehmer (Arbeiterkammer). Wer sich näher mit der Person Eichmann, einem der Protagonisten des Holocaust, befassen möchte, dem sei Hannah Arendts Buch "Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen" empfohlen.

Täter: Paul Salitter

Bis zu dieser Stelle ist einige Male ein für den Vernichtungsprozess der europäischen Jüdinnen und Juden zentraler Bestandteil angesprochen worden: Deportationen. Und auch auch hier spielten Polizisten eine zentrale Rolle, den jeder einzelne Transport wurde von einem Kommando begleitet, bestehend aus einem Polizeioffizier und einer Wachmannschaft von 15 weiteren Polizisten.
In diesem Zusammenhang hat es der sog. Salitter-Bericht zu einem gewissen Bekanntheitsgrad gebracht. In ihm schildert der Düsseldorfer Polizeibeamte Paul Salitter auf mehreren Seiten seine Erfahrungen während des von ihm geleiteten Deportationszuges von Düsseldorf nach Riga (Abfahrt am 11., Ankunft am 14.12.1941). Sein Bericht macht deutlich, was die Fahrt für die Deportierten bedeutete, auch wenn deren Zustand – 1007 Jüdinnen und Juden, vom Säugling bis zum Alter von 65 Jahren – den Hauptmann der Schutzpolizei überhaupt nicht interessierte.

 

Salitter fokussierte sich stattdessen vor allem auf seine zahlreichen Sorgen, die er sich machte, so vor dem nahezu andauernden Regen, vor möglichen Erkrankungen seiner Kollegen, vor Kontaktaufnahmen von Juden mit anderen Menschen an Bahnhöfen, vor der drohenden Verspätung des Zuges am Zielbahnhof und vor der Einsortierung des Waggons des Begleitkommandos am Zugende, weil damit lange Kontrollgänge an den Haltestationen verbunden waren.
 
Der Bericht erwähnt jedoch mit keinem Wort den physischen und psychischen Zustand der Jüdinnen und Juden: Wie erging es ihnen auf der mehr als 60-stündigen Fahrt? Wie erging es ihnen bei Außentemperaturen bis zu minus 12 Grad? Wie erging es ihnen in den völlig überfüllten Waggons? Wie erging es ihnen in Waggons voller Exkremente? Wie erging es ihnen, neben Verstorbenen zu liegen? Wie war ihr Zustand, als sie in Riga ankamen?

Paul Salitter war ein Rädchen im nationalsozialistischen Vernichtungsfuror. Ohne diese Rädchen hätte dieser jedoch nicht funktionieren können. Er wurde nach dem Krieg zunächst als minderbelastet, später als Mitläufer eingestuft, arbeitete zwar nicht mehr als Polizist, wurde aber niemals juristisch zur Rechenschaft gezogen. 

 

Täter: Franz Stangl

Schließen möchte ich den 2. Projektblock mit der Vorstellung eines österreichischen Polizisten, der im Vernichtungsprozess eine maßgebliche Rolle gespielt hat: Franz Stangl (1908-1971). Er leitete mit Sobibor und Treblinka nicht nur zwei Vernichtungslager, er war auch ein wichtiges Bindeglied zwischen den Euthanasiemorden und den verbrecherischen Geschehnissen, die sich ab 1942 im Generalgouvernement ereigneten – also dem Teil von Polen, der nach dem militärischen Sieg über Polen nicht ins Deutsche Reich eingegliedert worden war, aber militärisch besetzt und ohne eine eigene polnische Staatlichkeit unter deutscher Verwaltung stand. Stangl brachte etwas mit, was für das von den NS-Rassenideologen als "Endlösung der Judenfrage" bezeichnete Menschheitsverbrechen von Bedeutung war. Damit soll der 3. Projektblock thematisch beginnen, bevor er mit bedeutenden Geschichtsorten und wesentlichen Ereignissen fortgesetzt wird. Übrigens: Stangl wurde erst 1970 von einem Gericht in Düsseldorf zu lebenslänglicher Haft verurteilt, nachdem er sich ab 1948 unbehelligt in Brasilien aufgehalten hatte. Am 28. Juni 1971 starb er im Gefängnis.  

Fazit zum 2. Projektblock

 

Der zweite Projektblock in Wien hat den beteiligten Polizeibeamt*innen verdeutlicht, wie zügig exekutive Machtausübung in Machtmissbrauch umschlagen kann. Angesichts zunehmender autoritärer Tendenzen in der Gegenwart und dem damit einhergehenden Bemühen staatlicher Exekutiven, Justiz und Medien zu kontrollieren sowie Grund- und Menschenrechte einzuschränken, ist die Beschäftigung mit den Ereignissen in Österreich nach dem sogenannten Anschluss – losgelöst vom tatsächlichen Geschehen -, prinzipiell von geradezu beklemmender Aktualität.

Vollzog sich die Entrechtlichung und Entmenschlichung im damaligen Deutschen Reich über Jahre, brauchte es dafür in Österreich nur wenige Tage. Dieser Prozess im Zeitraffer – Historiker Hans Mommsen: „Orgie der Gewalt ohnegleichen“ – macht auch in der Rückschau in aller Vehemenz klar, was es damals bedeutete, außerhalb der Volksgemeinschaft zu stehen. Damit verbunden war schon in den ersten Tagen die völlige Öffentlichkeit der damaligen Geschehnisse. Sie fanden ebenso vor aller Augen statt wie die Deportationen der Wiener Jüdinnen und Juden. Angesichts der Inhumanität und des völligen Fehlens moralischer Leitplanken schien die Auswanderung zumindest für diejenigen eine Option zu sein, die es sich leisten konnten, doch zeigte auch hier das NS-Regime seine verbrecherische Fratze, denn dieser Schritt war mit dem weitgehenden Verlust des persönlichen Vermögens verbunden. Insgesamt wurde innerhalb eines kurzen Zeitraums das jüdische Leben, welches in Wien seit Jahrhunderten existiert hatte, ausgelöscht. Und auch wenn die Ereignisse mittlerweile mehr als 80 Jahre zurückliegen, sind sie für die jüdischen Gemeinden eine schwere Erblast, wie der Besuch der israelitischen Kultusgemeinde in Wien gezeigt hat. Denn der Antisemitismus, diese hartnäckigste Verschwörungstheorie der Menschheitsgeschichte, wirkt nach wie vor und sie hat gerade im Hinblick darauf, dass immer mehr Gesellschaften der Verlockung des Autoritären erliegen, zu einer weiter gesteigerten Unsicherheit in den jüdischen Gemeinden geführt. Auch hier zeigte sich den teilnehmenden Polizeibeamt*innen der Gegenwartsbezug des Bildungsprojekts.   


3. Projektblock: Polen (Mai 2025)

Vorwort zum 3. Projektblock:

 Zweifellos, die deutsche Polizei hat sich mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in den Dienst des verbrecherischen Regimes gestellt. Doch ist es ein Unterschied, exekutive Gewalt zur Umsetzung von Politik einzusetzen oder sich an einem Genozid aktiv zu beteiligen. Dennoch ist genau dies geschehen. Und dieser Vernichtungsprozess fand zu einem großen Teil im östlichen Teil Polens statt, sodass es auf der Hand liegt, dass sich die Teilnehmenden des Projekts "Die Polizei und der Holocaust" zu den Orten begeben mussten, wo in unvorstellbaren Ausmaßen und Geschwindigkeiten gemordet wurde. Das Stichwort Geschwindigkeit ist auch insofern von Bedeutung, weil bis weit in das Jahr 1941 hinein noch überhaupt kein Plan zur Umsetzung der sogenannten "Endlösung der Judenfrage" existierte, stattdessen standen bis dahin Auswanderung und Umsiedlung im Vordergrund. Erst im Verlaufe jenes Jahres, als zunehmend klar wurde, dass der Krieg gegen die Sowjetunion nicht bis zum Herbst zu gewinnen war, wurden die ersten Maßnahmen getroffen, die dann zügig in den Holocaust mündeten. Diese basierten jedoch nicht auf einem umfassenden Plan oder einer Anordnung Hitlers, sondern es war ein Agieren in Teilschritten, die immer deutlicher in Richtung Vernichtung gingen je klarer wurde, dass der militärische Sieg über die Sowjetunion nicht mehr zu erringen war und damit auch die Umsiedlungspläne (Generalplan Ost) obsolet geworden waren. Erst vor diesem Hintergrund vollzog sich die immer zügiger verlaufende systematische Tötung von Millionen von Jüdinnen und Juden. Und der eigentliche Kern des Holocaust fand in dem Gebiet im Osten und Südosten Polens statt, welches von den Projektteilnehmenden im Mai 2025 erkundet wurde: dem Generalgouvernement. Es war ein Rest-Polen ohne eigene Staatlichkeit, welches unter deutscher Verwaltung zunächst ein Arbeitskräftereservoir stellen sollte, sich jedoch bald zum zentralen Ort im Genozid an den Jüdinnen und Juden Europas entwickelte.         

Experten des Todes

Nachdem im Herbst 1941 klar wurde, dass der Krieg gegen die Sowjetunion nicht zügig zu gewinnen und damit der geographische Raumgewinn zur sogenannten Umsiedlung nicht zu realisieren war, stellte sich der NS-Führung die Frage, wie mit den Jüdinnen und Juden in den von ihnen kontrollierten Gebieten umzugehen sei. Angesichts dessen reifte in jener Phase der Plan, der letztlich in den Holocaust münden sollte. Zunächst ging es um die Tötung von nicht Arbeitsfähigen, und dabei griff man auf die Kenntnisse zurück, die man im Rahmen der Aktion T4 – benannt nach der zentralen Dienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4 – gewonnen hatte, also der "Vernichtung unwerten Lebens". Darüber hinaus bildete das in den Tötungsanstalten der Aktion T4 eingesetzte Personal nunmehr den Kern, der wenig später die als "Aktion Reinhardt" bezeichnete systematische Ermordung von Jüdinnen und Juden im Generalgouvernement koordinierte. Neben dieser personellen Kontinuität bedurfte es jedoch auch derjenigen Protagonisten, die in ihrem rassenideologischen Wahn die "Endlösung der Judenfrage" vorantrieben. Dazu gehörte der Reichsführer-SS und Chef der Deutschen Polizei, Heinrich Himmler, und eine zweite Figur, die fortan eine unheilvolle Rolle spielen sollte.  

Täter: Odilo Globocnik

Es lässt sich zwar nicht genau bestimmen, wann die Entscheidung zum Völkermord fiel, weil kein entsprechender Befehl bekannt ist, doch aus den Aussagen von Adolf Eichmann im Gerichtsprozess in Jerusalem (11. April bis 15. Dezember 1961) lässt sich schließen, dass er im Herbst 1941 gefallen sein muss, also nach dem Überfall auf die Sowjetunion. Massenerschießungen hatte es zwar schon vorher gegeben, doch nun wurde der Genozid systematisch vorangetrieben, mit dessen Durchführung der Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik beauftragt wurde. Er hatte dieses Amt bereits seit 1939 übernommen und legte eine besondere Brutalität an den Tag, z. B. in der AB-Aktion, mit der Globocnik den letzten polnischen Widerstand brechen wollte. Darüber hinaus ließ er zügig einen ganzen Lagerkomplex für jüdische Zwangsarbeiter einrichten und führte zahlreiche Razzien auch in Betrieben durch, um möglichst vieler Jüdinnen und Juden habhaft zu werden. Dies zeigt, dass wirtschaftliche Notwendigkeiten gegenüber der rassenideologischen Motivation klar zurücktraten, ein Muster, welches sich fortsetzen sollte. Globocniks menschenverachtender Enthusiasmus bei der Judenverfolgung ließ ihn im Frühjahr 1942 zum Leiter der Aktion Reinhardt werden, die den eigentlichen Kern des Holocausts bildet. Zuvor soll es jedoch um einen der zahlreichen Ort gehen, an denen von Polizeieinheiten der "Holocaust durch Erschießen" betrieben wurde.
 
Übrigens: Nach seiner Flucht auf eine Alm in Österreich wurde Globocnik von britischen Truppen festgenommen. Der Verantwortung entzog er sich durch die Einnahme von Zyankali (31. Mai 1945).   

Das Massaker von Józefów

Die Projektmitglieder besuchten auch den Wald in der Nähe der polnischen Kleinstadt Józefów, in dem vom Reserve-Polizei-Bataillon 101 aus Hamburg mindestens 1500 Jüdinnen und Juden erschossen wurden. Die mörderische Tätigkeit des Bataillons in Józefów und an anderen Orten ist nicht nur durch Akten gut dokumentiert, auch wurde seine Geschichte durch den Historiker Christopher Browning aufgearbeitet, der seine Erkenntnisse im Buch "Ganz normale Männer" veröffentlicht hat.

Das Massaker in Józefów wurde vom vorgenannten Odilo Globocnik befohlen und am 13. Juli 1942 vollzogen, wobei der Bataillonskommandeur Major Trapp den Polizisten anbot, an der Massenerschießung nicht teilzunehmen. Dieses Angebot wurde aber nur von einer kleinen Minderheit angenommen. Diejenigen jedoch, die es nutzten, hatten keinerlei Konsequenzen zu befürchten, sodass sie sich nicht auf die von vielen Tätern in Gerichtsprozessen der Nachkriegszeit genutzte Rechtfertigung des sog. Befehlsnotstandes berufen konnten. Allerdings wurden trotz der guten Aktenlage und der nicht mehr vorhandenen Möglichkeit, sich auf den Befehlsnotstand berufen zu können, sowie der Verantwortlichkeit des Bataillons für mehr als 38.000 Tote von den insgesamt 210 vernommenen Bataillonsangehörigen lediglich fünf verurteilt. Zu ihnen gehörte Julius Wohlauf

Im Wald von Józefów befinden sich an mehreren Stellen befriedete Flächen, an denen die Erschießungen stattfanden.

Sobald man sich von diesen Flächen nur einige Meter entfernt, sind sie zwischen dem Baumbestand kaum noch erkennbar.

Im Jahre 2016 wurde der Gedenkstein von der Gemeinde Józewóf und der Akademie der Polizei Hamburg gestiftet.

Täter: Julius Wohlauf

Einer der am Massaker von Józewóf beteiligten Polizisten war der damals 29-jährige Julius Wohlauf. Der Angehörige der sächsischen Schutzpolizei gehörte der Kriegskindergeneration an, die für die Teilnahme am Ersten Weltkrieg zu jung waren und dem Versprechen der Nationalsozialisten folgten, Deutschland wieder zur alten Größe führen zu wollen. Junge Männer wie Wohlauf waren Gegner der ersten deutschen Demokratie und Befürworter einer autoritären Staatlichkeit. 1935 in die Schutzpolizei eingestellt, machte er als Offizier zügig Karriere und übernahm am 1. Februar 1942 die Führung der 1. Kompanie des Reserve-Polizeibataillons 101 aus Hamburg. Obwohl er im Laufe des Krieges neben Józewóf auch an weiteren Erschießungen teilgenommen hatte, wurde er nach dem Krieg im Rahmen der Entnazifizierung zunächst nur als Mitläufer und später als unbelastet eingestuft. Im Zuge des Artikels 131 des Grundgesetzes konnte er den Polizeidienst wieder aufnehmen und seine Karriere nahtlos fortsetzen, er hatte sogar enge Kontakte zum Polizeipräsidenten von Hamburg, Walter Buhl. Doch 1963 endete seine Polizeikarriere, denn Ermittlungen zum Hamburger Bataillon 101 hatten seine Person in den Mittelpunkt gerückt: Wohlauf wurde 1967 wegen Beihilfe zum Mord an 9.200 Menschen zu acht Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Gegenüber seiner Familie schwieg Wohlauf bis zu seinem Tode. Selbst als seine Tochter ihn mit der Studie des Historikers Browning ("Ganz normale Männer"; s.) konfrontierte, schwieg er zu seiner Beteiligung an den Morden. Wohlauf nahm sein Schweigen mit ins Grab: Er starb 2002 im Alter von 89 Jahren. 

Warschauer Ghetto

Eine wesentliche Voraussetzung für den organisierten Vernichtungsprozess war die Konzentration von Jüdinnen und Juden. Dazu wurden an zahlreichen Orten Ghettos eingerichtet, das größte in ganz Europa war Warschau, wohin insgesamt rund 500.000 Menschen verschleppt wurden. Die polnische Hauptstadt eignete sich allein wegen ihres hohen Anteils jüdischen Lebens zur Ghettoisierung, so lebten dort vor dem deutschen Überfall fast 370.000 Jüdinnen und Juden. Am 2. Oktober 1940 mussten sämtliche jüdischen Bewohner Warschaus innerhalb von sechs Wochen in das für das Ghetto vorgesehene Gebiet ziehen – von den deutschen Besatzern euphemistisch als "jüdischer Wohnbezirk" bezeichnet –, alle anderen mussten es hingegen verlassen. Ab Mitte November 1940 wurde das Ghetto mit einer 18 Kilometer langen und drei Meter hohen Umfassungsmauer abgeriegelt; fortan erhielt das Ghetto eine neue Bezeichnung: "Seuchensperrgebiet". Die qualvolle Enge – die Bevölkerungsdichte lag bei mehr als 140.000 pro Quadratkilometer – macht das Foto zwar anschaulich, es zeigt allerdings nicht die unmenschlichen Bedingungen, unter denen die Ghettobewohner litten; der Tod war allgegenwärtig. Der Arzt Ludwig Hirszfeld schreibt dazu in "Die Stadt des Todes. Im Warschauer Ghetto": "Oft liegt etwas mit Zeitungen Zugedecktes auf dem Bürgersteig. Schrecklich ausgezehrte Gliedmaßen [...] schauen meistens darunter hervor." Doch das kaum als Leben zu bezeichnende Dasein wurde zusätzlich durch die Wachposten an den Ghettozugängen belastet, zu denen auch ein Polizeibataillon gehörte, welches jeglichen Bezug zu moralischem Handeln verloren hatte.

Mord als Wettbewerb oder der kurze Weg zur Willkür

Das Dortmunder Reserve-Polizei-Bataillon 61, welches je zur Hälfte aus Reservisten und regulären Polizeibeamten bestand, war bereits in den ersten Wochen und Monaten nach dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 in den Vernichtungsfeldzug eingebunden gewesen. Dabei beteiligte es sich neben Vertreibungen aus dem Warthegau, um Gebiete für deutsche Besiedlung freizumachen, auch an mehreren Erschießungen – im damaligen Sprachgebrauch Säuberungen – denen zahlreiche Polen zum Opfer fielen. Als das Bataillon später die Bewachung des Warschauer Ghettos übernahm, handelten seine Mitglieder nicht nur völlig losgelöst von moralischen Bindungen, sondern missachteten auch den Befehl, der es ihnen untersagte, das Ghetto zu betreten: Sie töteten willkürlich, machten regelrechte Jagden auf die jüdischen Bewohner, veranstalteten Wettbewerbe und lobten Preise aus für besonders „erfolgreiche“ Schützen. Die Kommandeure unterstützten die Tötungsorgien, ja gewährten als Belohnung sogar Sonderurlaub. Und in der späteren Bundesrepublik bot sich das immer wieder anzutreffende Bild: Nur wenige Polizisten wurden angeklagt, und im Falle des Polizei-Bataillons 61 kam es noch nicht einmal zu einer Verurteilung. Denn ihrem Argument, sie hätten bei Befehlsverweigerung ihr eigenes Leben riskiert, wurde vom Gericht in Dortmund gefolgt. Tatsächlich existierte der Befehlsnotstand nicht, und verschärfend kam beim Bataillon noch hinzu, dass Tötungsbefehle oftmals überhaupt nicht vorlagen, sondern die Angehörigen aus eigenem Antrieb heraus handelten. Bemerkenswert ist zudem, dass in den drei Ermittlungsverfahren als Zeugen ausschließlich Bataillonsangehörige selbst sowie deren Verwandte auftraten, überlebende Opfer und andere Zeugen jedoch nicht gehört wurden.

Wer sich mit der Geschichte des Warschauer Ghettos beschäftigen möchte, dem kann ich die Autobiographie des berühmten Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki (1920-2013) empfehlen. In "Mein Leben" findet sich folgende Passage, in der mit erschütternden Worten die unfassbare Willkür von Menschen beschrieben wird, die plötzlich über bis dahin für sie unvorstellbare Macht verfügten, und die Situation der Ghettobewohner, die dieser Willkür vollkommen ausgeliefert waren, weil sie sich außerhalb der Volksgemeinschaft und damit jeder Rechtssicherheit befanden:

"So war es: Jeder Deutsche, der eine Uniform trug und eine Waffe hatte, konnte in Warschau mit einem Juden tun, was er wollte. Er konnte ihn zwingen, zu singen oder zu tanzen oder in die Hosen zu machen oder vor ihm auf die Knie zu fallen und um sein Leben zu flehen. Er konnte ihn plötzlich erschießen oder auf langsamere, qualvollere Weise umbringen. Er konnte einer Jüdin befehlen, sich auszuziehen, mit ihrer Unterwäsche das Straßenpflaster zu säubern und dann vor aller Augen zu urinieren. Den Deutschen, die sich diese Späße leisteten, verdarb niemand das Vergnügen, niemand hinderte sie, die Juden zu misshandeln und zu morden, niemand zog sie zur Verantwortung. Es zeigte sich, wozu Menschen fähig sind, wenn ihnen unbegrenzte Macht über andere Menschen eingeräumt wird."

Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass der Weg von der legalen Machtausübung zum Machtmissbrauch kurz ist, sodass allein aus dieser Perspektive die liberale und repräsentative Demokratie mit ihrer Säule der Rechtsstaatlichkeit unbedingt bewahrt werden muss (vgl. hierzu auch die Inhalte des Menüpunktes Texte zur Demokratie.

Zwischen Besatzung und Bevölkerung

Die Judenräte waren gegenüber derartiger Willkür ebenfalls machtlos, waren sie doch von den Besatzungsbehörden als perfides Instrument installiert worden, um die Vernichtungspolitik organisatorisch zu begleiten. Gezielt waren sie deshalb mit Rabbinern oder anderen einflussreichen Personen besetzt worden, damit die Anweisungen der deutschen Behörden auch umgesetzt würden. In den Ghettos mussten die Judenräte vor allem die Bewohner registrieren, unter den unmenschlichen Bedingungen ein irgendwie geordnetes Leben sicherstellen, vor allem aber Zwangsarbeiter abstellen und dafür Sorge tragen, dass die für die Deportationen vorgesehenen Zahlen erreicht werden. Damit waren sie in einer Zwangslage gefangen, denn einerseits mussten sie Befehle umsetzen und andererseits wollten sie möglichst viele Menschenleben schützen, was ihnen angesichts der Umstände nicht gelingen konnte. Wie aussichtslos letztlich ihre Situation war, zeigte die sog. Große Aktion, die auf Befehl der deutschen Besatzung vom Judenrat zu organisieren war und im folgenden Text thematisiert wird.     

"Umsiedlung nach dem Osten"

Als Große Aktion werden die am 22. Juli 1942 beginnenden Deportationen der weitaus meisten Bewohner des Warschauer Ghettos in das Vernichtungslager Treblinka bezeichnet; sie war also ein wesentlicher Bestandteil der Aktion Reinhardt. Die dabei dem Judenrat obliegende Aufgabe, täglich 6.000 bis 7.000 Menschen bereitzustellen, verbunden mit dem Wissen, sie in den Tod zu schicken, verdeutlicht seine Zwangslage in ganz besonderem Maße, personifiziert in seinem Vorsitzenden, Adam Czerniaków (1880-1942), der sich einen Tag nach Beginn der Transporte das Leben nahm. Gerüchte über Deportationen in Vernichtungslager hatte es zwar bereits vorher gegeben, doch am 22. Juli 1942 herrschte Gewissheit, daran konnte auch die den Ursprungsbefehl ergänzende und zur Beruhigung der Menschen dienende Bekanntmachung vom 24. Juli (s. Foto) nichts mehr ändern. Als die Große Aktion am 21. September 1942 endete, lebten noch ca. 70.000 Menschen im Ghetto, die zum großen Teil bei den beiden für die deutsche Rüstungsindustrie produzierenden Firmen Schultz & Co. und Többens beschäftigt waren. Doch auch für die allermeisten von ihnen gab es letztlich keinen Ausweg, denn mittlerweile stand fest: "Umsiedlung" war ein Euphemismus für Tod! Dies hatte Adam Czerniaków, dem sich der folgende Text widmet, erkannt.     

Wieviel kann ein Mensch ertragen?

Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), der in seiner Funktion als Schreibkraft des Judenrates engen Kontakt zu Adam Czerniaków hatte, widmete ihm in seiner bereits angesprochenen Autobiographie "Mein Leben" ein Kapitel, welches sich mit ihm und seiner Rolle als Vorsitzender des Judenrates befasst: Ein Intellektueller, ein Märtyrer, ein Held. Nur einige wenige Zeilen daraus genügen, um dessen Zwangslage zu verdeutlichen: "Der an der Spitze des Ghettos stand, erkannte sofort, was die Deutschen von ihm erwarteten: Er, Adam Czerniaków, sollte der Henker der Warschauer Juden sein." [...] "Er wird im Ghetto nur von wenigen geachtet, von vielen wurde seine Tätigkeit missbilligt; er wurde sogar verabscheut und gehasst. Denn man machte ihn für die barbarischen Maßnahmen der Deutschen mitverantwortlich, zumal kaum jemand wusste, dass er sich nahezu täglich bemühte, das Elend der Bevölkerung zu mildern." Und im Abschiedsbrief an seine Frau findet sich folgender Satz, der nicht nur für seine eigene Ausweglosigkeit steht: "Ich bin machtlos, mir bricht das Herz vor Trauer und Mitleid, länger kann ich das nicht ertragen." Dazu Marcel Reich-Ranicki: "Man verstand seine Tat, wie sie von ihm gemeint war: als Zeichen, als Signal, dass die Lage der Juden Warschaus hoffnungslos sei." Einige jedoch kämpften gegen die Ausweglosigkeit.     

Nicht nur gelitten, auch gekämpft

Nach den Monaten der Massendeportationen aus dem Warschauer Ghetto bestand es weitgehend nur noch aus Zwangsarbeitern, deren Arbeitserlaubnis Überleben auf Zeit bedeutete. Da jedoch mit und mit die deutschen Unternehmen im und außerhalb des inzwischen räumlich deutlich verkleinerten Ghettos schlossen, wurde immer klarer, dass die restlichen ca. 40.000 Bewohner ebenfalls bald deportiert würden. Den sicheren Tod vor Augen, entschlossen sich einige von ihnen zum Aufstand. Er begann am 19. April 1943 und endete rund einen Monat später am 16. Mai. Nach seiner Niederschlagung durch die SS unter dem Kommando des Brigadeführers und ehemaligen Hilfspolizisten Jürgen Stroop wurde das Ghetto vollständig zerstört (s. Foto), die Aufständischen und verbliebenen Bewohner erschossen oder nach Treblinka deportiert. Nur wenige konnten durch die Kanalisation entkommen, u. a. Marek Edelman, der Notizbücher geschrieben hatte, deren Inhalt Jahrzehnte später als Buch erschienen sind (Erinnerungen an das Warschauer Ghetto).

Anmerkung: Der Aufstand im Warschauer Ghetto ist vom Warschauer Aufstand der polnischen Heimatarmee gegen die deutsche Besatzung zu unterscheiden, der am 1. August 1944 begann und am 2. Oktober mit der Kapitulation der Widerständler endete.   

Das Ringelblum-Archiv

Eine bedeutende Quelle zur Erforschung des Holocaust ist das Ringelblum-Archiv, benannt nach dem polnischen jüdischen Historiker Emanuel Ringelblum (1900-1944). Im Angesicht des Genozids war das Ziel der Gruppe um ihn, das jüdische Leben für die Nachwelt möglichst umfassend zu dokumentieren und damit auch über den Terror, die Willkür und die Zustände im Warschauer Ghetto zu informieren. Dabei konnte auch der Briefwechsel zwischen dem Judenrat und den deutschen Besatzern gesichert werden, weil der bereits angesprochene Marcel Reich-Ranicki Kopien an das Archiv weitergab. So finden sich darin neben diversen Anordnungen auch Dokumente über SS-Strafaktionen, Deportationen und Zwangsarbeit. Angesichts des Beginns der zahlreichen Transporte in das Vernichtungslager Treblinka ab dem 22. Juli 1942 ("Große Aktion") wurden die archivierten Dokumente in einem Keller einer ehemaligen Schule eingemauert. Nach dem Krieg wurden 1946 von drei Holocaust-Überlebenden der 36 namentlich bekannten Mitarbeitenden 10 Blechkisten mit Archivalien gefunden, und 1950 weiteres Archivgut, welches sich in zwei Milchkannen befand. Ein weiterer Teil des Archivs konnte im weitgehend zerstörten Ghetto nicht mehr aufgefunden werden. 

Emanuel Ringelblum, seine Frau und sein kleiner Sohn sowie andere Untergetauchte wurden im März 1944 von der SS in Warschau entdeckt und in den Ruinen des nicht mehr existierenden Ghettos erschossen. 
 

Eine der 1950 gefundenen Milchkannen befindet sich heute im Museum der Geschichte der polnischen Juden in Warschau. Es wird auch als POLIN bezeichnet – die hebräische Aussprache für Polen – und befindet sich im ehemaligen jüdischen Viertel von Warschau.

Gegenüber vom Museum befindet sich das Ehrenmal zum Gedenken an den Warschauer Aufstand. Dort kam es im Dezember 1970 zum berühmten Kniefall vom damaligen Bundeskanzler Willy Brandt, einer spontanen Geste, die als Bitte um Vergebung für die deutschen Verbrechen verstanden wurde.

An diesem Ort befand sich der Übergang im Warschauer Ghetto, der wegen der Ost-West-Achse, der wichtigsten Ausfallstraße, eingerichtet wurde, denn diese wurde für Militärtransporte gebraucht. Damit erklärt sich die Teilung des jüdischen Wohnbezirks, so der euphemistische Ausdruck der deutschen Besatzer für das Ghetto.

Die Todesfabriken

Während die Gruppe um Ringelblum archivierte war die Aktion Reinhardt, benannt nach dem Chef der Sicherheitspolizei und des SD, Reinhardt Heydrich, bereits im Gange. Zwischen März 1942 und Oktober 1943 wurden in den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka mehr als 1,5 Millionen Juden sowie rund 50.000 Sinti und Roma systematisch umgebracht. Die Mordstätten lagen in dünn besiedelten Gebieten, verfügten über einen Bahnhof und hatten lediglich eine Grundfläche von wenigen hundert Metern. Allein ihre geringe Größe zeigt, dass es hier nicht wie in Auschwitz um die Selektion von Arbeitsfähigen und -unfähigen ging, sondern um reine Vernichtung, und dieser Prozess erfolgte in hoher Geschwindigkeit: Ein Zug mit 1.000 oder mehr Deportierten fuhr morgens in den Bahnhof ein und am Nachmittag waren die Leichen bereits vergraben. Für diesen Vernichtungsfuror – pro Tag waren bis zu fünf Transporte möglich – wurden je Lager lediglich 20 bis 30 Mann deutsches Personal eingesetzt sowie eine dreistellige Anzahl an Hilfskräften, die als Trawniki-Männer bezeichnet wurden, benannt nach dem Lager im Südosten von Lublin, in dem vor allem Kriegsgefangene aus der Sowjetunion zu KZ-Wachmannschaften ausgebildet wurden.

Fazit: Auch wenn die drei Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka weit weniger bekannt sind als der Komplex des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, bilden sie den Kern des Holocaust, denn mit ihnen wurde der Höhepunkt der Vernichtungspolitik erreicht.

Übrigens: Das heutige Bahnhofsgebäude hat sich gegenüber dem Erscheinungsbild von damals (s. Foto oben mit Odilo Globocnik) kaum verändert. 

"[...] Vernichtungsvorgänge abgewickelt."

(Aussagefragment von Erich Bauer, "Gasmeister" genannt. Er bediente im Vernichtungslager Sobibor den Motor, dessen Abgase in die Gaskammern geleitet wurden)


Im vorhergehenden Text heißt es: "Ein Zug mit 1.000 oder mehr Deportierten fuhr morgens in den Bahnhof ein und am Nachmittag waren die Leichen bereits vergraben." Und was passierte innerhalb dieses kurzen Zeitraums? Die Waggontüren werden geöffnet – zahlreiche Menschen sind bereits verstorben –, die Überlebenden brutal herausgetrieben, teilweise erleiden sie Knochenbrüche. Über einen Lautsprecher erfolgen Anweisungen: Ausziehen! Schuhe zusammenbinden! Brillen, Prothesen, Wertsachen und die gesamte Kleidung am Wertschalter abgeben! In einem Raum mit mehreren Dutzend Stühlen werden die Haare abgeschnitten. Dann setzt sich der Zug aus nackten Kindern, Frauen und Männern in Bewegung, bis sie nach wenigen Metern die Gaskammern erreichen, in die sie regelrecht hineingepresst werden. Die Türen schließen sich. Die Abgase eines Dieselmotors werden eingeleitet: Der mehrere Minuten andauernde qualvolle Todesprozess beginnt. Bald werden die Türen geöffnet: Die Getöteten stehen aufrecht. Das Arbeitskommando reißt die Leichen auseinander und trägt sie hinaus. Zahnärzte brechen mit Zangen die Goldzähne und -kronen aus den Kiefern. Danach werden sie in Gruben geworfen. Die nächsten, nackt vor den Gaskammern Wartenden gehen in den Tod.

Das Foto zeigt einen Scheiterhaufen, der sich heute als Mahnmal im ehemaligen Vernichtungslager Belzec befindet. Darauf wurden die später aus den überfüllten Massengräbern herausgeholten Leichen verbrannt.

Übrigens: In Belzec sind weit mehr als 400.000 Menschen getötet worden. Nur drei Überlebende sind bekannt.       

"Banalität des Bösen" 

Bei der Betrachtung des Fotos, welches eine gesellige Runde im Vernichtungslager Sobibor zeigt, kommt spontan die im Titel genannte Formulierung in den Sinn, die Hannah Arendt auf Adolf Eichmann bezogen hat. Während nur wenige Meter entfernt – das Lager hatte lediglich eine Fläche von 400x600 Metern – Menschen starben, vergraben oder verbrannt wurden, vergnügte sich die Lagerleitung mit Bediensteten bei Bier, Schnaps und Wein. Was dachte der auf dem Foto links stehende Polizeihauptmeister und stellvertretende Lagerkommandant Franz Reichleitner angesichts jener aus heutiger Sicht grotesken Situation? Vermutlich war er wie die meisten kein Sadist, sondern wurde von Motiven angetrieben, die auch Eichmann bewegten und die für das Leben grundsätzliche Bedeutung haben: Persönlicher Ehrgeiz, Gehorsam, Pflichterfüllung und Karrierestreben. So erklärte Eichmann nach seiner Festnahme gegenüber dem ihn vernehmenden Polizeibeamten, "daß er es in der SS nur bis zum Obersturmbannführer gebracht habe und daß es nicht an ihm gelegen habe, daß er nicht vorankam." (Hannah Arendt, Eichmann in Jerusalem – Ein Bericht von der Banalität des Bösen, 18. Auflage, München 2021, S. 57)

Täter: Christian Wirth 

Ob der am 26. Mai 1944 bei einem Überfall von Partisanen in Slowenien getötete Kriminalpolizist Wirth von Ehrgeiz und Karrierestreben angetrieben wurde oder sogar sadistische Züge hatte – ihm Unterstellte gaben ihm den Beinamen "Christian der Grausame" – lässt sich nicht mehr klären, klar ist allerdings seine maßgebliche Rolle bei der Aktion Reinhardt. Nicht nur dass er bereits an der sog. Vernichtung unwerten Lebens (Krankenmorde) im Rahmen der Aktion T4 beteiligt gewesen war und damit seine Kenntnisse zur Tötung von Menschen gefragt waren, wurde er nach seiner Kommandantur im Vernichtungslager Belzec von Odilo Globocnik zum Inspekteur dieses Lagers und der beiden weiteren Tötungszentren Sobibor und Treblinka ernannt. Da er schon in Hadamar für die Überwachung der Krankenmorde zuständig war, schien er für Globocnik wohl der richtige Mann für die Vernichtungsmaschinerie der Aktion Reinhardt zu sein. Zu deren Optimierung ordnete Wirth den Bau größerer Gaskammern an und beorderte ihm persönlich bekannte Fachleute aus der Aktion T4 ins Generalgouvernement. Und im November 1943 wurde ihm die Überwachung einer weiteren Mordaktion übertragen, die als Abschluss der Aktion Reinhardt betrachtet werden kann.

Aktion Erntefest

Die auf dem Foto zu sehenden Wiesen befinden sich auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrations- und Arbeitslagers Lublin/Majdanek, welches heute ein Erinnerungsort ist. Die Vertiefungen deuten die Ende Oktober 1943 von Zwangsarbeitern ausgehobenen Gräben an, in denen anschließend, vom 2. - 4. November die größte Massenerschießung im NS-Vernichtungsprozess stattfand. Dieser fielen in Majdanek und an weiteren Orten im Südosten Polens mehr als 40.000 Jüdinnen und Juden zum Opfer. Beteiligt daran waren neben anderen Polizeieinheiten auch die Bataillone 41 (Leipzig) und 67 (Essen). Neben Transport- und Bewachungsaufgaben sowie regelrechten Jagden auf jüdische Zwangsarbeiter waren die Bataillonsangehörigen auch an den unmittelbaren Tötungen beteiligt, indem sie die Opfer mit Genickschüssen exekutierten. Währenddessen tönte aus aufgestellten Lautsprechern Marschmusik, doch war die Aktion für die Bewohner von Lublin wahrnehmbar, die sie teils von Hausdächern aus beobachteten.

Übrigens: Auch die Aktion Erntefest belegt, dass das ideologische Ziel die sog. "Endlösung" war und damit keinesfalls ökonomische Aspekte im Vordergrund standen. Wäre die Ökonomie handlungsleitend gewesen, hätten die Zwangsarbeiter weiterhin in den Rüstungsbetrieben eingesetzt werden müssen, doch standen Nützlichkeitserwägungen nicht zur Debatte. Diesem Thema widmet sich der folgende Abschnitt. 

Mörderische Ideologie

Die beiden Fotos zeigen den sogenannten Schlauch – links die Innenansicht, rechts die Außenansicht – in einem Nachbau in der Gedenkstätte des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibor. In der Tötungsmaschinerie war dieser der mit Stacheldraht und Zweigen gesäumte rund 200 Meter lange Korridor, der die am gleichen Tag ins Lager Deportierten auf direktem Weg in die Gaskammer führte, nachdem sie vorher ihr Gepäck abgegeben, sich komplett entkleidet und an der sogenannten Kasse ihre letzten Vermögenswerte wie Geld und Schmuck abgegeben hatten. Vor allem der letzte Punkt scheint nahe zu legen, dass der Genozid allein aus wirtschaftlichen Gründen erfolgt sei. In diesem Zusammenhang wird tatsächlich zuweilen der Begriff vom "Massenraubmord" verwendet. Sicherlich gab es durch Ausbeutung, Diebstahl, Raub und Plünderung individuelle Bereicherung auf vielen Ebenen, doch waren dies Taten, die aus der Gelegenheit heraus begangen wurden. Und auch der Bericht von Globocnik (s. rechts) darf nicht über den eigentlichen Grund für die Tötung von Millionen von Jüdinnen und Juden täuschen.   

Nach Abschluss der Aktion Reinhardt verfasste der SSPF Globocznik einen wirtschaftlichen Abschlussbericht, der auf die Summe von mehr als 178 Mio. Reichsmark verwerteten jüdischen Vermögens kam. Diese auf den ersten Blick beachtliche Summe relativiert sich jedoch, wenn sie durch die Opferzahl von mehr als 1,5 Mio. dividiert wird, denn mit jedem Ermordeten wurden damit im Ergebnis nur rund 100 Reichsmark „erlöst“. Doch stand der ökonomische Aspekt ohnehin niemals im Vordergrund, denn allein die Zerstörung weiter Teile Warschaus und der Ausfall von für den Rüstungsbetrieb dringend benötigten Arbeitskräften zeigt den Irrsinn des millionenfachen Mordens. Dies wurde bereits von Zeitgenossen wie dem Warschauer Verwaltungschef Ludwig Fischer entsprechend bewertet: „Diese wirtschaftlichen Nachteile müssen aber in Kauf genommen werden, da die Ausmerzung des Judentums aus politischen Gründen unbedingt erforderlich ist.“ Fazit: Der Vernichtungsprozess beruhte auf der mörderischen NS-Rassenideologie. Frieden fanden die Opfer jedoch auch nach ihrem Tode nicht.     

Was geschah danach?

Nachdem der Vernichtungsbetrieb Ende 1943 eingestellt worden war und die Rote Armee immer näher rückte, wurden Spuren beseitigt und die Gelände der Lager planiert. Trotz der abseits von dichter Bevölkerung gelegenen Flächen war den Menschen in der Region bewusst, zu welchem Zweck sie gedient hatten, denn es hatte es einen Handel zwischen den Dörfern und den Wachmannschaften gegeben und auch die Deportationszüge waren nicht unbeobachtet geblieben. Als die deutschen Truppen sich zurückgezogen hatten, setzten bald die ersten Plünderungen ein, sodass nach kurzer Zeit die jeweiligen Flächen mit Gruben, Knochen und Leichenteilen übersät waren. Rachel Auerbach, eine der drei Überlebenden, die am o. a. Ringelbaum-Archiv mitgearbeitet hatten, hat zu dem Grabraub im Vernichtungslager Treblinka einen Bericht verfasst ("Auf den Feldern von Treblinka"). Darin heißt es: "Alle Arten von Plünderern und Marodeuren kommen in Scharen mit Schaufeln in der Hand. Sie graben, suchen, plündern; sie sieben den Sand, ziehen Teile von verfaulten Leichen und verstreuten Knochen aus der Erde in der Hoffnung, dass sie wenigstens auf eine Münze oder einen Goldzahn stoßen." Weiter schreibt sie, dass selbst Granaten und Blindgänger zum Einsatz gekommen seien, sodass tiefe Krater entstanden. Ihr bot sich ein Feld der Verwüstung, welches sich wohl am besten mit dem Begriff Dantes Inferno beschreiben lässt. Das von Rachel Auerbach aus eigener Anschauung erlebte Bild des Schreckens ist auch für die Vernichtungslager Belzec und Sobibor belegbar.   

Nachfolgend zunächst einige Eindrücke zu den von den Teilnehmenden des Bildungsprojekts besuchten Gedenkstätten Belzec, Sobibor und Lublin/Majdanek bevor sich einem Nachkriegsthema gewidmet wird, welches in der jungen Bundesrepublik zunächst keines war und dann nur schleppend in Gang kam: Den strafrechtlichen Ermittlungen gegen Polizisten.

Nachdem 1963 eine erste Gedenkstätte entstanden war, die allerdings allgemein an die Opfer des "Hitlerterrors, die in den Jahren 1941 bis 1943 ermordet wurden" erinnerte und keine Hinweise auf das Lager selbst sowie die fast ausnahmslos jüdischen Opfer enthielt, begannen die Planungen für die heutige Gedenkstätte in den 1990er Jahren.

Die Fläche der im Jahre 2004 eröffneten Gedenkstätte wurde weitgehend mit Schlacke bedeckt, die an die unter der Erde befindliche Asche und damit an die Opfer erinnern soll. Entlang des Weges um das Schlackefeld sind die Ausgangsorte der Deportationen festgehalten, u. a. allein 400 jüdische Gemeinden im ehemaligen Polen.

Das Schlackefeld wird durch einen Gang geteilt, vor dem sich eine Fläche befindet, auf dem Gleise in Form eines Davidsterns eingeritzt sind. Der Gang ist dem Weg nachempfunden, den die Menschen zu den Gaskammern zurücklegen mussten. Das Museum (nicht abgebildet) erinnert an die Form eines Deportationszuges.

Nach dem Häftlingsaufstand in Sobibor im Oktober 1943 wurden alle Spuren, die auf das Vernichtungslager hindeuteten beseitigt. Es blieb der Bahnhof mit der Rampe, von der aus Hunderttausende von Jüdinnen und Juden ihre letzten Meter im Vernichtungsprozess gingen. Zu Beginn der 1960er Jahre ließ der polnische Staat zwar ein Mahnmal errichten, doch erst 1993 wurde klargestellt, dass es sich um einen Ort der Vernichtung jüdischen Lebens gehandelt hat.

Ab 2008 wurde die Gedenkstätte sukzessive neu gestaltet und im Oktober 2020, 77 Jahre nach dem Aufstand, ein Museum eröffnet, in dem sich neben vielen anderen Inhalten und Objekten auch der hier abgebildete Lageplan des ehemaligen Lagers befindet. Damit zusammenhängend ist ein wichtiger Bestandteil der Ausstellung "SS-Sonderkommando Sobibor. Deutsches Todeslager 1942-1943" ein Modell, welches die Topographie des Vernichtungslagers veranschaulicht. 

Die Ansicht zeigt das Museum und den sog. Schlauch, über dessen Funktion bereits berichtet wurde. Bei dem rechts davor abgehenden Weg handelte sich um die Gedenkallee mit mehreren hundert Steinen mit Inschriften, gestiftet von Hinterbliebenen und Bürgern, die an die jüdischen Opfer und ihre jeweiligen Heimatorte erinnern. Im gleichen Kontext ist die 25 Meter lange Auslage im Museum zu sehen, die 700 persönliche Gegenstände enthält, die bei Grabungen gefunden wurden.

Das Foto zeigt eine der Gaskammern im Konzentrations- und Vernichtungslager Lublin-Majdanek. Im Gegensatz zu den drei Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka, wo mit Motorabgasen gemordet wurde, kam an diesem Ort im Südosten Polens, der gleichzeitig einer der Zentren der "Aktion Erntefest" war (s. o.), auch das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B zum Einsatz.

Bekannt geworden ist Zyklon B – hier die typische Abfüllung in Blechdosen in einem Lagerraum in Lublin-Majdanek – vor allem wegen seiner Verwendung in Auschwitz-Birkenau. Tatsächlich kam es dort weitaus häufiger zum Einsatz als an jedem anderen Ort der Vernichtung. Weniger bekannt ist jedoch, dass es auch dort überwiegend bestimmungsgemäß eingesetzt wurde: zur Bekämpfung von Ungeziefer. 

Der Wirkstoff von Zyklon B ist Blausäure, welches als Gas aus dem jeweiligen Trägermaterial, i. d. R. Pellets aus Gips oder Zellstoffscheiben, entweicht und bei Inhalation nach wenigen Atemzügen durch eine Blockade der Zellatmung zum Erstickungstod führt. Noch heute lässt sich an den Decken der Gaskammern von Lublin-Majdanek die typische Blaufärbung deutlich erkennen. 

"Saubere Polizei!"

Die strafrechtlichen Ermittlungen gegen Polizisten, die angesichts der hier nur in Ausschnitten wiedergegebenen Verbrechen zügig zu erwarten gewesen wären, ließen viele Jahre auf sich warten. Damit ist bereits einer der Gründe genannt, warum sich das Bild der sog. "sauberen Polizei" in der deutschen Öffentlichkeit bilden und verfestigen konnte. Denn für sie lag die Schlussfolgerung auf der Hand: keine polizeilichen Ermittlungen + keine Gerichtsprozesse = keine Beteiligung an den NS-Verbrechen. Darüber hinaus gab es noch weitere Gründe, die dazu beigetragen haben, dass der Eindruck hatte entstehen können, die Polizei habe mit den nationalsozialistischen Verbrechen, dem Vernichtungsprozess und dem Völkermord an den europäischen Jüdinnen und Juden nichts zu tun. Der Text Die Legende von der "sauberen Polizei" widmet sich diesem Thema, bevor sich die Ausführungen in Ermitteln – Anklagen – Scheitern mit dem Wendepunkt in der juristischen Aufarbeitung und den Beeinflussungsversuchen eines polizeilichen Netzwerks in der Nachkriegszeit befassen.   

Bialystok-Prozess

Der in den Jahren 1967/68 am Wuppertaler Schwurgericht verhandelte Prozess gegen das im September 1940 aufgestellte Kölner Polizeibataillon 309 steht einerseits für das späte Bemühen der Nachkriegsjustiz, sich den Verbrechen von Angehörigen der deutschen Polizei anzunehmen, andererseits zeigt er auch, vor welchen Schwierigkeiten das Gericht stand, überhaupt angemessene Urteile fällen zu können. Und diese waren keineswegs nur auf Absprachen zwischen den Angeklagten bzw. deren Lügen zurückzuführen, sondern hingen auch mit einer fatalen Entscheidung des Deutschen Bundestags zusammen. Damit und mit weiteren Umständen des Prozesses befasst sich der folgende Text.