Veranstaltungsreihe

Geschichte verstehen – Zukunft gestalten

Geschichte verstehen – Zukunft gestalten war eine über rund ein Jahr laufende Veranstaltungsreihe, die innerhalb der Städteregion Aachen von einem großen Zuschauerzuspruch getragen und medial intensiv begleitet wurde.

Geschichte verstehen – Zukunft gestalten erhält wegen der Zielrichtung, die im Zuge der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre heute noch bedeutsamer geworden ist als in den Jahren 2017/2018, einen eigenen Menüpunkt auf dieser Website.

Konzipiert, organisiert und durchgeführt wurde die Veranstaltungsreihe von

Jana Blaney, Leiterin der VHS Nordkreis Aachen,
Heinz W. Kneip, Leiter d. Bereiche Öffentlichkeitsarbeit, Kultur, Geschichte Politik in der VHS Aachen,
Günter Pesler, damals Geschäftsführer des Geschichtsvereins Baesweiler e. V. und
Enno Schwanke, damals Historisches Institut der Universität zu Köln.

Nachfolgend finden Sie die damaligen Veranstaltungsplakate, woraus die Referenten/Gäste, die Themen mit kurzen inhaltlichen Angaben sowie die Unterstützer der Veranstaltungsreihe hervorgehen. Danebenstehend befinden sich einige ergänzende Informationen zu den jeweiligen Veranstaltungswochenenden.

Wenn Sie mehr zur Idee und zu dem Konzept von
Geschichte verstehen – Zukunft gestalten 
erfahren möchten, klicken Sie bitte auf den folgenden Button:

Erstes Veranstaltungswochenende (29./30.09.2017)

Gleich die ersten beiden Veranstaltungen in der Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums Baesweiler sorgten sowohl für eine starke Zuschauerresonanz als auch für angeregte und durchaus kontroverse Diskussionen.
Mit Niklas Frank konnte am Freitagabend in der Aula des Gymnasiums Baesweiler ein prominenter und streitbarer Gast begrüßt werden. Der ehemalige Auslandskorrespondent hat die eigene Familiengeschichte, besonders jedoch die seines Vaters, einem der größten NS-Kriegsverbrecher, schonungslos aufgearbeitet.
Der junge Historiker Michael Sulies von der Georg-August Universität zu Göttingen beschrieb am Folgetag die langen Entwicklungslinien menschenverachtender Ideologien, die zwar im Nationalsozialismus pervertiert wurden, aber dort keineswegs ihren Ursprung hatten. 
War der Freitagabend von sehr persönlichen Schilderungen geprägt, knüpfte der Samstagnachmittag dort an, um einerseits die historischen Hintergründe der menschlichen Abgründe zu erläutern und andererseits das Wirken von Ideologien in der Gegenwart darzustellen.

Zweites Veranstaltungswochenende (17./18.11.2017)

Die geistige Konstruktion der Volksgemeinschaft – die gegenwärtig wieder eine gefährliche Konjunktur hat – war zentrales Thema des zweiten Veranstaltungswochenendes, welches ebenfalls in der Aula des Otto-Hahn-Gymnasiums Baesweiler stattfand.
Am Freitagabend las der Aachener Autor und Verleger Michael Kuhn gemeinsam mit seiner Tochter Jennifer Riemek aus seinem Roman "Wir waren doch so jung", der die wahre Geschichte von zwei jüdischen Familien aus Aachen erzählt, die ihres Lebens beraubt werden, weil sie nicht zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft gehören.
Am Folgetag nahm der Historiker Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung den literarischen Stoff auf und führte ein in die Vorstellungswelt von der vermeintlich konfliktfreien Volksgemeinschaft, die trotz der in ihrem Namen begangenen Verbrechen bis heute anschlussfähig geblieben ist.

Drittes Veranstaltungswochenende (19./20.01.2018)

Im Kulturzentrum der Burg Baesweiler war das Wochenende vom Thema Euthanasie bestimmt.
Der Freitagabend begann mit einem Dialog zwischen Heinz W. Kneip und Günter Pesler zum Wert des Lebens. Anschließend berichtete Frau Gabriele Lübke über die Ergebnisse ihrer Recherchen zum Lebens- und Leidensweg ihrer Großmutter Rosa Schillings aus Würselen, die Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms wurde, weil ihr Leben als unwert eingestuft wurde. Der Abend wurde fortgesetzt mit einer Gesprächsrunde, an der auch Dr. med. Friedrich Leidinger teilnahm. Der ehemalige Chefarzt der Allgemeinen Psychiatrie der Klinik Langenfeld gilt als ausgewiesener Experte zum Thema.
Dr. Matthis Krischel vom Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf gab in seinem Vortrag am folgenden Samstag zahlreiche fundierte Antworten. Denn der vorangegangene Freitagabend hatte Fragen aufgeworfen, u. a. warum die Mediziner den höchsten Grad einer NSDAP-Mitgliedschaft aufwiesen. Bei der anschließenden Diskussion stand vor allem das Thema Sterbehilfe im Fokus.

Viertes Veranstaltungswochenende (16./17.03.2018)

Das Weiterbildungskolleg (Euregio-Kolleg) der Städteregion Aachen war der Ort des vierten Themenwochenendes. Im Mittelpunkt stand an den beiden Tagen der Kampf der Arbeiterschaft um demokratische Rechte.
Für den Freitagabend konnte dazu mit Achim Großmann ein prominenter Gast gewonnen werden, der in seinem Buch "Die roten Gesellen im schwarzen Westen" die Geschichte der Arbeiterbewegung in der Aachener Region erzählt. Der Parlamentarische Staatssekretär a. D. wie viel Mut und Einsatzbereitschaft die "roten Gesellen" aufbringen mussten, um Stück für Stück demokratische Rechte zugesprochen zu bekommen.
Anknüpfend an die Veranstaltung am Vortag zeigte Yves Müller vom Historischen Institut der Universität zu Hamburg, wie zügig die hart erkämpften demokratischen Rechte infolge der Machtübertragung auf die nationalsozialistische geführte Regierung verloren gingen. In der anschließenden Diskussion stand auch der Gegenwartsbezug im Raum: Wie sicher ist überhaupt unsere Demokratie angesichts autoritärer Tendenzen in Deutschland, Europa und der Welt? 

Fünftes Veranstaltungswochenende (20./21.04.2018)

Erneut fand innerhalb der Städteregion Aachen ein Ortswechsel statt, sodass der fünfte Teil der Veranstaltungsreihe in der Aula der Regenbogengrundschule in Herzogenrath absolviert wurde. Themenschwerpunkt war die Verfolgung von Minderheiten.
Für den Einstieg in das hochaktuelle Thema konnte die bekannte Regisseurin, Fernsehmoderatorin und Schauspielerin Mo Asumang gewonnen werden, die aus ihrem verfilmten Buch "Mo und die Arier" las. Darin schildert sie ihre Erlebnisse, als sie sich in die rechte Szene begibt, um diejenigen persönlich zu konfrontieren, die sie seit vielen Jahren massiv anfeinden und ihr dabei mehrfach ihre Ermordung angedroht haben. Die Lesung mit anschließender Diskussion wurde durch eine Performance zum Thema einer Klasse der Oberstufe des Alsdorfer Dalton-Gymnasiums eingeleitet.
Historiker Tim Ohnhäuser von der Universität zu Köln schilderte am Folgetag die nationalsozialistischen Ausgrenzung-, Verdrängungs- und Entrechtungspratiken und ihre kumulative Radikalisierung sowie deren Akzeptanz und aktive Unterstützung von großen Teilen der damaligen deutschen Bevölkerung. Im Mittelpunkt der sich anschließenden Diskussion stand – gerade auch in Verbindung mit den Erlebnissen von Mo Asumang – die Frage im Raum, inwieweit Minderheiten trotz ihres verfassungsrechtlichen Schutzes im demokratischen Staat von der Mehrheitsgesellschaft akzeptiert werden. 

Sechstes Veranstaltungswochenende (08./09.06.2018)

In der Gesamtschule der Stadt Alsdorf wurde der Themenschwerpunkt des vergangenen Veranstaltungswochenendes nochmals aufgegriffen und das verfassungsrechtliche und demokratische Gebot, Minderheiten zu schützen, von der institutionellen Seite her betrachtet.
Dazu konnte als Referent Dr. Mehmet Daimagüler gewonnen werden, der als Opferanwalt im NSU-Prozess – Nationalsozialistischer Untergrund – sozusagen aus dem Maschinenraum von Exekutive und Judikative berichten konnte. Der Prozessverlauf und seine Vorfeldrecherchen ließen bei ihm Fragen aufkommen, die durch die jahrelange Mordserie und die unbehelligten Täter*innen von erheblicher Brisanz sind: Agiert der Sicherheitsapparat in Teilen außerhalb seines verfassungsrechtlichen Auftrags? Wurden die Täter*innen aus der Neonazi-Szene von Exekutivorganen geschützt? Wenn ja, bestand das Motiv dazu in dem Schutz von V-Leuten? Oder wurden die Ermittlungen auf Menschen mit Migrationshintergrund konzentriert, weil es in exekutiven Behörden tatsächlich einen strukturellen Rassismus gibt? Seine Antworten, die durch die Recherchen zahlreicher Medien bestätigt worden sind, ließen das Publikum sprachlos und schockiert zurück. 
Der für den Folgetag vorgesehene Vortrag von Nicola Kresken vom Historischen Institut der Universität Köln musste aus nachvollziehbaren persönlichen Gründen der Referentin leider entfallen. 

Siebtes Veranstaltungswochenende (07./08.09.2018)

Das letzte Themenwochenende – dieses Mal in der integrativen Begegnungsstätte Haus Setterich DRK – war von der damals und heute aktuellen Fragestellung bestimmt, ob die bundesrepublikanische Demokratie noch ausreichend gefestigt ist.
Auch für diese Auftaktveranstaltung konnte ein aus Funk und Fernsehen bekannter Referent gewonnen werden: Dr. Stephan Kaußen, Journalist, Politikwissenschaftler und Dozent an der privaten Hochschule Macromedia in Köln.
In einem Gespräch zwischen ihm und Günter Pesler warf er einen sehr kritischen und provokativen Blick auf die deutsche und europäischen Demokratien, die er aufgrund verschiedener gesellschaftlicher Entwicklungen wie Individualisierung, Hedonismus, Konsumismus und einer daraus resultierenden Entpolitisierung von weiten Teilen der Gesellschaft geschwächt sieht. Kann angesichts dessen den autokratischen und starken nationalistischen Tendenzen in Teilen Europas überhaupt noch eine auf festem Fundament stehende demokratische Antwort gegeben werden, so seine Frage an die zahlreichen Gäste, die auch im Mittelpunkt seines Buches "Europas Zeitenwende" steht.
Am folgenden Samstag griff Maik Fielitz vom Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik die Gedanken von Dr. Kaußen auf und verschaffte den Gästen einen Überblick zu den Parteien der "Neuen Rechten". Dies unter der Fragestellung, wie es ihnen gelingt, nationalsozialistisches Ideengut wieder populär zu machen. Angesichts ihres europaweiten Erfolgs stellte sich den Gästen die Frage, inwieweit die Demokratie als Lebens- und Regierungsform tatsächlich noch ausreichend krisenfest ist.   

Geschichte verstehen – Zukunft gestalten

Die Veranstaltungsreihe war die Initialzündung für die Arbeit an dem dreibändigen Buch

Weimars Schwachstellen und 

die Beseitigung der ersten deutschen Demokratie.

Es folgt dem Leitgedanken der Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann

"Ja, natürlich können wir aus der Geschichte lernen, woraus denn sonst?"

Angesichts des wieder erstarkenden Nationalismus und der damit verbundenen Sehnsucht nach dem charismatischen Führer scheint es dringender denn je, sich die Geschichte der Weimarer Republik wieder zu vergegenwärtigen, um daraus die richtigen Schlüsse zur Stärkung der bundesrepublikanischen Demokratie zu ziehen.